2 Tammy auf der Schildkröte

Tammy-roetel

Das Haus, in dem die Hundefamilie zusammen mit ihrem Herrchen wohnte, lag am Stadtrand, der Park dagegen befand sich nahe der Innenstadt, und so hatten die Drei ein schönes Stück Weg vor sich.
Es war ein herrlicher Sommertag, die größte Mittagshitze hatte schon nachgelassen und kaum ein Wölkchen trübte den strahlend blauen Himmel. Genau das richtige Wetter für einen Ausflug.

Senta war immer noch etwas aufgebracht über Barrys Weigerung mitzukommen, und die Kinder spürten das natürlich. So ließen sie ihre Mutter einige Schritte voraus gehen und trotteten selbst mit etwas Abstand hinterdrein.

„Sag mal, Tammy, findest du nicht, dass Mama vorhin ganz schön hart zu Papa war?“ fragte Tommy seine Schwester leise. „Na ja, sie macht halt aus ihrem Herzen keine Mördergrube. Aber Paps hat eindeutig die Ruhe weg.“
„Stimmt, ich frage mich, wie der das so ruhig wegstecken konnte.“
„Er weiß eben, dass sie es nicht so meint. Ist doch wirklich kein Geheimnis, dass sie ihn sehr gern mag und große Stücke auf ihn hält.“
„Ach? Das hat vorhin aber ganz anders geklungen.“
„Ach komm, Tommy, das darfst du doch nicht wörtlich nehmen. Spürst du denn nicht, dass die beiden sich sehr gern haben?“
„Ja schon, aber warum sagt sie dann solche Sachen wie das mit diesem Tassilo?“
„Haha, das hast du doch wohl nicht ernst genommen? Mama und ein Windhund, ich bitte dich! An dem dürren Kerl ist doch überhaupt nichts dran, nur Haut und Knochen. Und immer auf Trab, immer auf dem Sprung, ständig nervös und hektisch. Hechel, hechel, hechel… Und schau dir dagegen Mama an, die ist ja auch nicht gerade ein Fliegengewicht. Und wenn sie mal ein bisschen laufen muss, dann kommt sie gleich ins Schnaufen wie eine Dampflok. Nee, nee, die weiß schon, warum sie sich Paps ausgesucht hat, der passt viel besser zu ihr. Hihi, Mama und ein Windhund, also wirklich, da lachen ja die Hühner..“
„Grrrr! Lass bloß die Hühner aus dem Spiel, sonst…“
„Ach ja, ich vergaß…“ gluckste Tammy.
„Sagt mal ihr beiden“, ließ ihre Mutter sich vernehmen, „Was habt ihr da eigentlich hinter meinem Rücken zu tuscheln?“
„Ach nichts, Mama“, wehrte Tammy ab, „wir haben nur darüber geredet, wie sehr wir uns freuen, dass du mit uns in den Stadtpark gehst.“
„Das ist schön, dass es euch freut. Aber eins sage ich euch gleich: Wenn ihr euch nicht anständig benehmt, dann war das heute das erste und auch das letzte Mal. Also reißt euch zusammen! Kein Gekläffe, kein Gejaule, kein Gewinsel, kein Geheule, vor allem aber: lasst Euch ja nicht einfallen, fremde Menschen zu beschnüffeln oder zu besabbern. Ein wohlerzogener Hund tut so etwas nicht! Merkt Euch das bitte! Ich will mich nicht für euch schämen müssen.“

„Aber Mama!“ protestierte Tammy, „Du kennst uns doch!“
„Eben, drum sag‘ ich’s ja. Und jetzt gebt Ruhe, wir sind gleich da.“
Während ihrer Unterhaltung war die Zeit wie im Fluge vergangen und so hatten die Drei kaum mitbekommen, wie schnell sich die Szenerie um sie herum verändert hatte: Die breiten Straßen mit den vielen schnellen Autos hatten sie schon längst hinter sich gelassen, nun befanden sie sich mitten in der dicht bebauten Innenstadt, in der nur noch wenige Autos fuhren. Dafür waren umso mehr Fußgänger unterwegs. Sie bevölkerten die zahllosen Geschäfte, saßen vor Restaurants oder Cafes oder bummelten an Schaufenstern vorbei und betrachteten die Auslagen.

Schließlich weitete sich die Einkaufsstraße zu einem offenen Platz, der zum Teil mit Steinplatten gepflastert war, auf dem es aber auch mit Gras bewachsene Flächen gab. Dort ragten Schatten spendende Bäume empor, und daneben luden Bänke zum Ausruhen ein. Und auf eine solche kleine grüne Insel im Grau der Stadt wies nun Tammy mit ihrer Schnauze, denn sie hatte dort etwas Interessantes entdeckt.
„Sag mal, Mama, was sind denn das da vorne für komische Dinger? Da drüben neben den Bänken unter dem hohen Baum.“
„Was meinst du jetzt? Die Fahrradständer, oder den Papierkorb…?“
„Nein, weiter links. Diese runden Teile, die aussehen wie umgedrehte Fressnäpfe mit ganz vielen Dellen.“
„Ach das. Das sind zwei Schildkröten.“
„Und was sind Schildkröten, Mama?“ Diesmal war es Tommy, der fragte.
„Das sind Tiere, die von einem ganz harten Panzer umgeben sind, der ihnen Schutz gegen Feinde gibt. Da er an ihnen festgewachsen ist, müssen sie ihn ständig mit sich herumschleppen, und da er sehr schwer ist, kommen sie nur ganz langsam kriechend vorwärts.“
Tammy machte große Augen:
„Aber wenn sie so einen schweren Schutzpanzer durch die Gegend wuchten können, müssen sie ja gewaltig stark sein. Glaubst du, dass mich eine von ihnen tragen kann?“
„Ich bin sicher, dass sie das können,“ schmunzelte Senta. „probier‘ s ruhig aus.“ Kaum dass sie es ausgesprochen hatte, war Tammy schon auf den Rücken einer der beiden Schildkröten gesprungen und rief: „Hü, Pferdchen, hü!“
„Typisch meine Schwester!“ lästerte Tommy, „Zu faul zum Selberlaufen, und dann beklagt sie sich wieder über ihre Fettpölsterchen.“
Tammy aber tat, als ob sie gar nichts gehört hätte und rief noch mal: „Hü, Pferdchen hü!“ Doch die Schildkröte tat keinen Mucks. „Aber Mama, was ist denn da los? Du hast ja gesagt, dass Schildkröten sehr langsam sind, aber die bewegt sich ja überhaupt nicht! Nicht mal ein kleines bisschen.“
Sie ließ sich auf dem breiten Rückenschild nieder und brachte dann ihren Kopf ganz nahe an den der Schildkröte. „Sie bewegt ja nicht mal ihren Kopf, alles wie erstarrt. Man könnte glauben, dass sie aus Stein ist.“
„Bravo, Tammy! Jetzt hast du es endlich erkannt!“ lobte ihre Mutter sie mit leichter Ironie. „Diese Schildkröten sind aus Stein, und deshalb können sie sich auch nicht bewegen.“
„Aber wieso sind sie aus Stein?“ fragte Tammy. „Wurden sie etwa von einem Zauberer in diese Steinfiguren verwandelt?“
„Haha, nein, so etwas gibt es nur in den Märchen, die ich euch manchmal vor dem Einschlafen erzähle. Diese Schildkröten wurden von einem Bildhauer aus einem Steinblock herausgemeißelt, und dann von der Stadt aufgestellt, damit die Menschen ihre Freude daran haben und Kinder auch mal darauf herumklettern können. So wie du gerade.“
„Aber wie kann so ein Bildhauer denn eine Steinschildkröte machen?“ erkundigte sich nun Tommy neugierig.
„Ganz einfach. Er nimmt Hammer und Meißel und schlägt alles von dem Steinblock weg, das nicht nach Schildkröte aussieht.“
Tommy verzog das Gesicht zu einer gequälten Grimasse: „Ach komm, Mama, im Ernst. Sag doch, hat er da eine Schildkröte zum Vergleich daneben stehen, oder wie oder was? Irgendwie muss er ja wissen, wie das aussieht, was dabei herauskommen soll.“
„Im Grunde muss er das im Kopf haben, aber viele Bildhauer greifen dabei durchaus zu Hilfsmitteln. Sie machen sich entweder vorher Skizzen auf Papier, oder sie fertigen ein Modell aus Ton, Plastilin oder Gips an. Und das übertragen sie dann maßstabsgerecht in den Stein oder das Holz, je nachdem. Es gibt aber auch Bildhauer, die ganz ohne Modell und Vorlage arbeiten, nur aus ihrer Vorstellung heraus. Das ist allerdings mit einem gewissen Risiko verbunden.“
„Du meinst, dass er sich dabei auf die Finger haut?“
„Haha, ja das auch. Aber ich meinte vor allem, dass er bei spontaner Arbeit nie ganz sicher sein kann, was dabei herauskommt, denn schon ein kleiner Fehler lässt sich nur schwer oder gar nicht korrigieren. Was er einmal weggeschlagen hat, ist für immer weg. Es gibt zwar auch für Stein Kitt zum Kleben, aber das Wahre ist das natürlich nicht.“
„Sag mal, Mama,“ fragte jetzt wieder Tommy. „Woher weißt du eigentlich so genau, wie so ein Steinschläger…“
„Bildhauer…“ korrigierte ihn Senta.
„Also gut, woher also weißt du so genau, wie so ein Bildhauer arbeitet?“
„Ganz einfach. Meine Schwester Mona lebt bei so einem Künstler, und von der erfahre ich natürlich ganz genau, was er alles macht, wenn ich sie mal sehe. Was leider viel zu selten vorkommt. Er hat sogar schon eure Tante selbst in Stein gemeißelt, aus einem hellen Marmor und in voller Lebensgröße. Dieses steinerne Ebenbild von ihr hat dann der Tierarzt des Ortes gekauft und nun steht die Mona aus Marmor vor seiner Praxis und empfängt seine Patienten und Gäste. Und dort wird sie wohl auch noch stehen, wenn wir alle schon längst in die ewigen Jagdgründe eingegangen sind.“ Sie seufzte tief. „Na ja, wenigstens eine in unserer Familie, die es zu etwas gebracht hat.
Aber jetzt genug davon. Wir wollen jetzt endlich zum Park, unserem eigentlichen Ziel. Fast sind wir ja schon dort. Also Tammy, steig wieder von deinem Reittier herunter und komm weiter, sonst beschweren sich womöglich noch Menschenmütter, dass die Spielzeuge ihrer Kinder von Hunden beschmutzt werden.“
„Was soll das heißen: ‚beschmutzt?'“ empörte sich Tammy. „Ich bin doch sauber!“
„Ja, du schon. Du bist ja auch ein wohlerzogenes Hundemädchen aus gutem Hause. Meistens jedenfalls. Aber es gibt da auch weniger wohlerzogene Hunde, die einfach überall hinmachen wo es ihnen gerade passt, ohne sich dabei groß was zu denken. Und dass so ein Verhalten den menschlichen Müttern nicht gefällt, sollte klar sein.“
„Verstehe ich vollkommen. Da muss ich mir nur vorstellen, die dummen Katzen des Nachbarn würden dort hinsch…, äh …, dort hinmachen, wo ich mit Tommy immer im Gras liege. Einfach nur eklig.“
„Stimmt!“ bekräftigte ihr Bruder. „Es gibt nichts, was ekliger riecht als Katzenscheiße. Außerdem brennt die immer so auf der Zunge.“
„Tommy, jetzt reicht‘ s aber!“ rügte ihn Senta. „Ich habe dir schon hunderttausend Mal gesagt, dass du solche Ausdrücke nicht ins Maul nehmen sollst, und den betreffenden Gegenstand natürlich erst recht nicht, das muss ich ja wohl nicht noch extra betonen. Halt dich also bitte daran! Andernfalls muss ich das mit den wohlerzogenen Kindern wieder zurücknehmen. Und was glaubt ihr, was die Leute sagen, wenn sie davon erfahren: Seht nur, da geht die bedauernswerte Senta mit ihren missratenen Kindern, die immer in der Scheiße wühlen.“
„Aber Mama!“ protestierte Tommy, „jetzt hast du es selbst gesagt!“
„Das ist ganz was anderes. Ich bin ja schließlich erwachsen und deshalb darf ich das.“
„Aber Mama!“ Diesmal kam der Protest von Tammy. „Wir sind doch schließlich auch schon fast erwachsen!“
„So? Davon habe ich aber noch nichts bemerkt. Aber ihr könnt es mir natürlich gerne beweisen, zum Beispiel indem ihr in Zukunft keine solchen Ausdrücke mehr in den Mund nehmt, die eines erwachsenen Hundes unwürdig sind.“
„Aber Mama, das ist unlogisch! Du widersprichst dir!“ begehrte Tommy auf. „Gerade eben hast du noch…“
„Ruhe! Kein Wort mehr!“ blockte Senta ab. „Wenn ihr wirklich in den Park wollt, dann ist ab sofort Schluss mit den Diskussionen. Also kommt jetzt! In der Fußgängerzone sind wir ja schon und gleich dahinter befindet sich der nächste Zugang zum Stadtpark.
Und ich wiederhole es noch mal: Führt euch bitte anständig auf: Kein Gebelle, kein Geheule, kein Gejaule, kein Gewimmer, kein Gewinsel, kein Gesabber! Verstanden?“
„Ja, Mama.“ kam es prompt zweistimmig, wenn auch etwas genervt zurück.
„Also gut. Dann kommt weiter!“

HP2big

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