9 Die Sonnenblume

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Und so geschah es. Die Drei suchten sich ein schattiges Plätzchen unter einer großen Kastanie und dort machten Tammy und Tommy sich dann mit Genuss über ihre jeweilige Hälfte des Krapfens her. Es gab zwar anfangs noch leichte Probleme hinsichtlich der gerechten Aufteilung des Leckbissens, doch mit Sentas Hilfe war auch dieser Punkt schnell abgehakt und dem Genuss stand nun endlich nichts mehr im Wege. In Minutenschnelle war der leckere Krapfen verputzt und die beiden Zwillinge leckten sich zufrieden die Schnauzen.
Da rief Senta auch schon zum Aufbruch: „So, Kinder, und jetzt geht es ab nach Hause.“
„Och, Mama!“ protestierte Tommy. „Noch nicht nach Hause! Lass uns doch noch ein wenig hier liegen, ich bin gerade so voll, da macht das Marschieren keinen Spaß.“
„Nein, nichts da!“ lehnte Senta ab, „es geht auf der Stelle nach Hause. Wir waren jetzt wirklich lange genug fort.“
„Du Mama, ich müsste aber noch Pipi machen, bevor wir heimgehen.“ sagte Tammy. „Lange halte ich es nicht mehr aus und du hast doch gesagt, dass es dir nicht recht ist, wenn wir auf den Bürgersteig machen.“
„Sehr richtig. Das habe ich in der Tat gesagt und ich meinte das auch so. Wenigstens eine, die darauf Acht gibt, was ich sage. Und es trifft sich gut, ich muss nämlich auch, da werden wir zwei Hübschen jetzt mal etwas abseits gehen und dort unser Geschäft erledigen. Ich kenne dort hinten ein lauschiges Plätzchen mit Büschen, das ist für unseren Zweck optimal geeignet.“
„Was? So weit laufen?“ jammerte Tammy. „Können wir denn nicht gleich hier? Ich meine, hier sieht uns doch eh kaum einer, und überhaupt sind wir ja schließlich Hunde, die dürfen das.“
Senta war da allerdings anderer Ansicht: „Erstens, meine liebe Tochter, kann man uns hier sehr wohl gut sehen, und zweitens sind wir in der Tat Hunde, aber wohlerzogene aus gutem Hause, und keine ordinären Straßenköter, die überall dort hinmachen, wo es ihnen gerade beliebt. Ich dachte das hätte ich mittlerweile hinreichend deutlich gemacht.“
„Ja, Mama, schon gut. Hast du.“ Tammy klang jetzt ziemlich kleinlaut.
„Also gut, dann lass uns gehen. Unser Tommy wird das Bedürfnis ja kaum haben, nachdem er sich vorhin ja schon an anderer Stelle erleichtert hat.“
„Stimmt, Mama, ich muss nicht. Und selbst wenn, dann würde ich bestimmt nicht mit euch gehen, sondern mir alleine einen Baum suchen. Soweit kommt‘ s noch, dass ein Mann mit Weibern zum Pinkeln geht. Womöglich verlangt ihr dann noch von mir, dass ich mich auch hinhocke.“
„Und? Was wäre daran so schlimm?“ fragte seine Schwester herausfordernd.
„Was daran so schlimm wäre?“ entrüstete sich Tommy. „Ich bin ein Rüde, ein echter Mann! Ich suche mir einen Baum und hebe mein Bein, fertig! Das haben wir Männer immer schon so gemacht und dabei bleibt‘ s auch! Wo kämen wir denn da hin?! Wäre ja noch schöner.“
„Jetzt reg dich mal wieder ab, mein lieber Sohn!“ bremste Senta seine Empörung. „Meinetwegen kannst du beim Pinkeln so viele Beine heben wie du willst, solange du dabei niemanden belästigst und dir ein geeignetes Plätzchen suchst, aber das habe ich dir ja schon vorhin erklärt. Und ich habe keinerlei Lust, dir alles hundert- und tausendfach zu erklären, nur weil du einfach nicht hören willst.
Und jetzt komm, Tammy, bei mir ist es auch schon ziemlich dringend. Dein Bruder soll derweil hier liegen bleiben und seine Krapfenhälfte verdauen, vielleicht regt er sich dann wieder ein wenig ab.“
Tommy tat, als ob er nichts gehört hätte, wandte sich brummig ab und ließ sich ins Gras fallen. Er hörte noch, wie Tammy im Fortgehen zu Senta sagte:“ Sag mal, Mama, findest du nicht, dass Tommy eben eine ganz schön kesse Lippe riskiert hat?“
„Kein Wunder, er weiß natürlich sehr gut, dass sein Vater haargenau der gleichen Ansicht ist und ihm den Rücken stärkt. Wenn es um ihre ‚Männerehre‘ geht, halten die beiden zusammen wie Pech und Schwefel. Ein verlottertes Pack, dieses Männervolk! Lauter Barbaren! Wenn es uns Frauen nicht gäbe, würden sie total versumpfen und im eigenen Dreck erstarren. Keine Kultur, kein Benehmen, kein Anstand, gar nichts… Aber zum Glück….“
Ab da konnte Tommy nichts mehr verstehen und er war irgendwie ganz froh darüber. „Weiber!“ brummelte er mürrisch, doch bald schon tat es ihm wieder leid. Im Grunde konnte er seiner Mutter ja nichts vorwerfen, sie ihm umgekehrt schon eher. Bei genauerer Betrachtung musste er zugeben, dass er sich heute und überhaupt in der letzten Zeit alles andere als mustergültig betragen hatte, die Sache mit dem Krapfen war da nur die Spitze des Eisberges. Und was tat seine Mutter? Sie hatte ihn nicht einmal wirklich geschimpft, sondern ihm sogar noch erlaubt, den gestohlenen Krapfen zu essen, wenn auch nur die Hälfte, aber immerhin. Er spürte förmlich, wie sein schlechtes Gewissen wuchs, wie es sich immer lauter und lauter meldete, bis er es einfach nicht mehr überhören konnte. Aber was sollte er denn tun? Wie konnte er seine Untaten wieder gutmachen? Da wurde er auf eine freundliche weibliche Stimme aufmerksam, die ganz in der Nähe hinter seinem Rücken erklang. „Aber Sebastian! Was bringst du mir denn da für schöne Blümchen? Hast du die selbst gepflückt? Das ist aber nett!“
Er drehte sich um und sah einen kleinen Dreikäsehoch, der wacker auf seine Mutter zustapfte, die auf einer ausgebreiteten Decke auf dem Rasen saß. In der Hand hielt er einen Strauß aus Wiesenblumen, den er ihr entgegenstreckte. Sie schien sich riesig zu freuen, nahm ihm die Blumen aus der Hand und lobte ihn überschwänglich,, während der kleine Junge strahlte wie ein Honigkuchenpferd. Ja, genau, das war die Idee! Er würde seiner Mutter Blumen pflücken, genau wie das kleine Menschenkind. Allerdings kein so mickriges Grünzeug, nicht viel mehr als besseres Unkraut, sondern er würde ihr eine richtig edle Blume schenken, wie sie es verdient hatte. Aber woher nehmen? Er schaute sich forschend um und da sah er auch schon was er suchte: Ganz in der Nähe befand sich ein Beet mit riesengroßen Sonnenblumen. Die gewaltigen Blüten mit den leuchtend gelben Blättern waren fast so groß wie er selbst und thronten mehrere Meter über dem Erdboden auf dicken Stängeln mit breiten Blättern. Ohne lange zu überlegen, lief er zu den gelben Riesen und traf dann auch sehr schnell seine Wahl. Natürlich musste es die größte und prächtigste sein, keine Frage. Er schaute sich noch einmal um, ob seine Mutter vielleicht schon in Sichtweite war, dann machte er sich sofort ans Werk. Jetzt galt es keine Zeit zu verlieren.
Knurrend vor Unternehmungslust und zu allem entschlossen stürzte er sich auf die ausgewählte Sonnenblume. Zunächst hatte er vorgehabt, den dicken Stängel knapp über dem Erdboden durchzunagen und seiner Mutter die Blume in ihrer gesamten Größe zu überreichen, doch als er merkte, dass der Stängel fast so hart wie Holz war, versuchte er es auf eine andere Art. Mit voller Wucht sprang er auf die Blume zu und rammte sie mit seinen Schultern, um sie zu Fall zu bringen. Der erste Versuch ging fehl, der zweite auch. „Gib auf! Du hast keine Chance!“ knurrte er die Blume an, doch die reagierte gar nicht, was ihn erst recht in Rage brachte. Er sammelte alle seine Kräfte , nahm einen besonders langen Anlauf und legte alle Wucht hinein, zu der er fähig war, aber … wieder nichts. Die Sonnenblume zitterte ein wenig als Nachwirkung seines Ansturms, ragte aber nach wie vor hoch und stolz vor ihm auf, als ob nichts geschehen sei.
„Verdammt!“ knurrte er grimmig, „Die Zeit wird knapp! Mama kommt bestimmt bald zurück, und ich habe die Blume noch nicht mal gefällt. “
In seiner Verzweiflung änderte er seine Strategie ein weiteres Mal: Diesmal sprang er an der Blume hoch und packte dabei den Stängel mit seinen Zähnen, während er ihn gleichzeitig mit seinen Pfoten umkrallte und so versuchte, ihn durch sein Gewicht nach unten zu ziehen. Beim ersten Mal rutschte er noch kläglich ab, doch beim zweiten Versuch gelang es ihm schon, die Blume leicht zu biegen, und mit jedem weiteren Versuch neigte sich die Blüte tiefer und tiefer dem Erdboden zu. Schließlich, nach einer besonders verbissenen Attacke knickte der Stängel etwa einen Meter über der Erde ab und landete mitsamt der Blüte auf dem Boden. Leider überstand sie dies nicht so ganz ohne Blessuren. Einige Blütenblätter wurden dabei ausgerissen und der Rest war über und über mit Staub und Dreck bedeckt.
„Verdammter Katzendreck!“ fluchte Tommy wütend. „Musste das jetzt unbedingt sein?“ Unruhig drehte er sich abermals in die Richtung, aus der er seine Mutter und Tammy erwartete, sah sie aber immer noch nicht kommen.
„So ein Glück, dass Weiber so lange zum Pinkeln brauchen, ich werde mich nie wieder darüber aufregen!“ gelobte er sich, und machte sich dann sofort daran, den Stängel ca. fünfundzwanzig cm unterhalb der Blüte durchzunagen, wo er bei weitem nicht mehr so dick war wie an der Basis und auch noch etwas weicher. Nur die feinen Stängelhärchen, die dicht an dicht standen, störten hier genauso, da sie äußerst unangenehm im Mund und an der Nase kratzten.
„Ekelhaftes Zeug!“ schimpfte er erneut, „ich kann Blumen nicht ausstehen, die einen Bart haben!“ Doch schließlich war er durch und die gewaltige Blüte lag nun endlich ohne den ewig langen Stängel vor ihm. Sofort packte er sie mit den Zähnen und schleppte sie mit ziemlicher Mühe hinter den nächsten Busch, um sich zu verstecken. So gedachte er etwas Zeit zu gewinnen, um die ramponierte Blüte noch etwas aufzupolieren zu können und sich zu überlegen, wie er sie seiner Mutter am besten präsentieren konnte, so dass der Überraschungseffekt am größten war.
Als erstes aber musste er versuchen, die Blüte wieder sauber zu bekommen. Zunächst versuchte er, sie mit seiner rauen Zunge sauber zu lecken:“Pfui Teufel! Das ist ja eklig, da krieg ich ja das ganze Maul voll Sand! “ Angewidert spuckte er die kratzigen Sandkörner aus. Nun packte er den Stängel am Blütenansatz mit dem Maul und schüttelte die Blüte wild hin und her. Der gröbste Dreck fiel dabei zwar ab, aber wirklich sauber wurde sie dadurch nicht. Was tun?
Da fiel sein Blick auf ein kleines Bächlein mit Kiesbett, das nur wenige Meter von ihm entfernt leise vor sich hinplätscherte und sofort wusste er, was er zu tun hatte. Er schleppte die Blume zum Wasser und stieg dann mit ihr im Maul hinein. Das kristallklare Wasser reichte ihm zwar nur knapp über die Pfoten, aber das war genug, um den gröbsten Schmutz abzuwaschen. Leider mussten dabei noch einige weitere Blütenblätter daran glauben und insgesamt sah die Blume hinterher zwar sauberer, aber noch um einiges malträtierter aus als vorher.
„Tommy! Wo steckst du denn!“ Die Stimme seiner Mutter drang aus der Ferne zu ihm.
„Hier bin ich! Kommt doch bitte her zu mir, ich habe eine Überraschung für dich!“
Fieberhaft überlegte er, wie er die Blume am besten präsentieren konnte. Zuerst packte er sie wieder am Stängel nahe des Blütenansatzes, doch auf diese Weise hing sie mit gesenktem Kopf traurig nach unten und machte einen eher kläglichen Eindruck, wie ihm schien. Also packte er sie kurz entschlossen an den Blütenblättern und versuchte sie so in Position zu bringen, dass seine Mama sie von der schönsten Seite sehen konnte, sobald sie nahe genug heran war, und das würde nicht mehr lange dauern. Jeden Moment musste sie um den Busch herumkommen. Tommy fühlte schon fast so etwas wie Lampenfieber und gleichzeitig grinste er zufrieden in sich hinein. „Mama wird Augen machen!“ dachte er stillvergnügt.

Und das tat sie in der Tat. Sie fiel geradezu aus allen Wolken:
„Kuttelfleck und Schweinespeck! Tommy, sag mal! Was hast du denn mit der armen Sonnenblume gemacht?“
„Nafüfüi“
„Geht das jetzt schon wieder los? Du sollst doch nicht mit vollem Mund sprechen! Also nimm die Blume aus dem Maul und rede deutlich!“
Traurig sackte die Blüte mit geknickten Blättern in sich zusammen als Tommy das Maul öffnete um zu antworten:
„Aber Mama, ich habe die Blume doch für dich gepflückt!“
„Für mich gepflückt! Ja wer in Katzenteufels Namen hat dich denn auf diese Idee gebracht? Dein Vater jedenfalls nicht, soviel steht fest, der hat mir Zeit seines Lebens noch keine Blume geschenkt.“
„Da war vorhin ein kleiner Junge, der hat seiner Mama einen Strauß Wiesenblumen gepflückt und sie hat sich total darüber gefreut! Und du, freust du dich denn gar nicht?“

Senta sah, dass ihr Sohn einen schwer geknickten Eindruck machte und schlug nun einen etwas milderen Tonfall an.
„Nun ja, in gewisser Weise freue ich mich schon darüber, ich sehe ja, dass du es gut gemeint hast. Aber gut gemeint und gut gemacht sind halt nun mal zweierlei Dinge.“
„Tommy, der Sonnenblumenkavalier, ich fass es nicht…“ Mittlerweile schien auch Tammy die Sprachlosigkeit überwunden zu haben, die Tommys Aktion bei ihr ausgelöst hatte.
„Tommy, jetzt überleg doch mal, was hätte ich denn mit dieser riesigen Blume anfangen sollen? Alleine die Mühe, sie heim zu schleppen…“ appellierte Senta nun weiter an seine Vernunft.
„Naja, ich dachte halt, dass du dich freust.“
„Ja, aber ich hätte mich doch über ein paar kleine Blümchen genauso gefreut.“
„Ich dachte halt, dass du dich über eine so prächtige Sonnenblume mehr freust als über ein paar so kleine Blümchen…“ kam es trotzig zurück.
„Da spricht nun ganz eindeutig wieder Barrys Sohn. Dem kann auch nichts groß genug sein, vor allem nicht die Portionen beim Fressen!
Aber lassen wir es gut sein, Tommy. Ich weiß deinen guten Willen zu schätzen, aber für das nächste Mal merkst du dir bitte, dass ich die meiste Freude an lebenden Blumen habe. Und wenn du mir wirklich eine Freude machen willst, dann könntest du zur Abwechslung ja auch mal gehorchen, ganz ohne Widerrede und ‚Aber Mama‘. Aber das ist vermutlich schwieriger als eine Sonnenblume zu fällen.“
„Aber Mama…“
„Schluss jetzt! Das Thema ist beendet. Lass uns lieber überlegen, was wir mit den traurigen Überresten dieser einst so stolzen Blume machen.“
„Wieso ‚machen‘?“ fragte Tommy erstaunt. „Wenn sie dir nicht gefällt, dann lassen wir sie halt hier liegen. Fertig.“
„Das ist wieder mal typisch. Erstens hörst du nicht zu, was ich sage, denn davon, dass mir die Blume nicht gefällt, war nie die Rede. Und zweitens ist es ebenso typisch für dich und deinen Vater, dass ihr euer Zeug einfach liegen lasst. Aufräumen kommt für einen echten Mann anscheinend nicht in Frage. Aber das werde ich dir schon noch beibringen. Ich sage dir jetzt mal was. An dem Plätzchen, an dem wir eben waren, befindet sich neben den Büschen auch ein schöner Komposthaufen, den die Gärtner für vermodernde Pflanzen angelegt haben. Dorthin wirst du die Blume bringen und dann sofort wieder hierher zurückkommen. Hast du mich verstanden? Sofort! Und jetzt nimm die arme Blume und geh! Oder sollen wir mitgehen und dich hinführen?“
„Nein, nein, nicht nötig, ich finde schon alleine hin.“
Tommy klang immer noch sehr geknickt. Irgendwie hatte er sich die ganze Sache anders vorgestellt, aber jetzt war es auch schon egal. Also schnappte er sich die Blume und schleppte sie davon, in Richtung der Stelle, die Senta ihm gewiesen hatte.

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