7 Der Kampf

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„Da vorne kommt Tessa, die alte Schnepfe, und Ronny, ihren ungeratenen Sohn hat sie auch dabei. Auf die Begegnung hätte ich liebend gerne verzichtet.“
„Ronny? Dieser Widerling, dem das halbe rechte Ohr fehlt?“ Auch Tammy hatte seine Bekanntschaft schon gemacht. „Der ist doch immer so ungehobelt und zudringlich, ein äußerst unangenehmer Kerl. Schnell, Mama, lass uns verschwinden!“
„Zu spät, sie haben uns schon gesehen und kommen auf uns zu. Einfach abhauen können wir nicht mehr, wie sieht denn das aus? In den sauren Apfel werden wir wohl beißen müssen. Also reißt euch zusammen, das geht auch vorbei. Und Du, Tommy, halt dich bitte auch zurück, ich weiß sehr wohl, dass auch du auf Ronny nicht gut zu sprechen bist.“
Das stimmte allerdings. Tommy hatte schon einige sehr unangenehme Begegnungen mit Tessas Sohn gehabt, die er am liebsten komplett aus seinem Gedächtnis gestrichen hätte. Er war zwar etwas jünger als Ronny, aber bereits um einiges größer und stärker, und dennoch hatte er bei seinen Auseinandersetzungen mit ihm immer den Kürzeren gezogen. Und zwar lag das daran, dass dieser sehr unfair kämpfte und sich an keine der Regeln hielt, die für einen anständigen Hund Ehrensache waren.
Inzwischen waren Mutter und Sohn auf Rufweite herangekommen. Tommy spürte, wie sich seine Nackenhaare aufstellten, als ihm Ronnys penetranter Geruch in die Nase drang, und unwillkürlich begann er zu knurren – bis eine leise Ermahnung seiner Mutter ihn verstummen ließ. Ganz gegen seine innere Überzeugung versuchte er, gute Miene zum bösen Spiel zu machen und sich seine Abneigung gegen Tessas Sohn nicht allzu deutlich anmerken zu lassen.
„Ach, Senta, das ist aber schön, dich mit deinen Kindern hier zu treffen. Und so unerwartet.“
Tessas Stimme klang laut und ziemlich heiser. Sie war ein nicht gerade schlankes und auch nicht mehr ganz junges Boxer-Weibchen mit kurzem, braunem Fell. Um den Hals trug sie ein breites Lederband mit glänzenden Nieten. Ronny war noch massiger gebaut, ging ihr aber nur knapp bis zur Schulter, und das lag nicht zuletzt daran, dass er auf auffallend kurzen Beinen einher schritt, die selbst für Boxerverhältnisse überdurchschnittlich krumm waren. Dass von seinem rechten Ohr ein Stück fehlte, fiel auf den ersten Blick gar nicht so sehr auf, und das lag vor allem daran, dass sein ganzer Körper insgesamt sehr ramponiert wirkte. Sein ganzes Fell war übersät mit alten Narben und frischen, noch nicht ausgeheilten Verletzungen. Auch sein Gesichtsausdruck passte dazu: Grimmig und mürrisch blickte er in die Landschaft, erst als er Tammy erblickte, stahl sich ein seltsames Glitzern in seine blutunterlaufenen Augen.
„Hallo, Tessa! Welch angenehme Überraschung!“ Senta legte alle Herzlichkeit in die Begrüßung, zu der sie fähig war. „Mit euch beiden hätte ich hier wirklich nicht gerechnet.“
„Tja, da schaust du, was? Wir haben uns gedacht, wir nützen das schöne Wetter aus und flanieren ein wenig durch den Park. Aber ihr hattet ja offenbar dieselbe Idee.“
„Stimmt, aber dieses Wetter bietet sich ja auch wirklich dafür an.“
Die beiden Hundedamen standen sich jetzt so nahe gegenüber, dass ihre Nasen sich berührten, nach dem obligatorischen Küsschen gingen sie aber schnell wieder auf Distanz.
„Gut siehst du aus, Senta.“ Tessa nahm das Gespräch wieder auf. „So richtig rund, prall und wohlgenährt. Man merkt, dass euer Herrchen euch immer gut füttert. Da muss ich ja nur deine Kinder anschauen, wie die wieder gewachsen sind, unglaublich. Und immer wenn ich Tommy sehe, muss ich seine großen Pranken bewundern. Nach denen zu schließen, wird ja mal ein Riesenkoloss aus ihm. Du solltest Sauerkrautstampfer werden, mein Junge, das wäre genau der richtig Job für dich, hohoho. Tammy dagegen scheint ja eher nach ihrer Mutter zu geraten, die wächst offensichtlich auch vor allem in die Breite.“
Tommy verzog das Gesicht. Reichte es denn nicht, dass Tammy sich immer über seine Pfoten lustig machte und sie als Plattfüße bezeichnete, musste diese Ziege jetzt auch noch damit anfangen? Besonders sympathisch war ihm Tessa schon vorher nicht gewesen, spätestens ab jetzt aber war sie bei ihm unten durch. Ein kurzer Blickwechsel mit Tammy zeigte ihm, dass es ihr ähnlich erging.
Tessa aber war noch nicht fertig. „Apropos Koloss: Wie geht es denn Barry? Er war ja immer eher ein ruhiger und behäbiger Typ, das ist er vermutlich immer noch, oder? Bestimmt ist er auch jetzt zuhause, nicht wahr? Ich kann mir nicht vorstellen, dass er das Haus oft verlässt, so gemütlich wie es bei euch daheim ist. “
„Barry ist in der Tat zu Hause, aber das liegt eher an mir als an ihm.“
Sentas Augen blitzten wütend, aber sie kratzte all ihre Selbstbeherrschung zusammen und schaffte es so mit äußerster Anstrengung, ihrer Stimme einen gleichgültigen Klang zu geben.
„Er wollte unbedingt mitkommen und uns begleiten, ich musste ihn buchstäblich mit Gewalt zurückhalten. Aber heute ist unser Herrchen nicht daheim und irgendjemand muss ja schließlich das Haus bewachen.“
„Ach, ist es nicht beruhigend, dass es noch Ehemänner gibt, die derart fürsorglich ihre Pflicht erfüllen?“ Tessas Ausruf klang übertrieben innig. „Ich kann mir lebhaft vorstellen, wie schwer es war, ihn zurückzuhalten, wo er doch viel lieber an eurer Seite gewesen wäre. Aber was hilft‘ s, wenn die Pflicht ruft? Hoffentlich hat er sich wenigstens ein schattiges Plätzchen im Garten gesucht, nicht dass er noch unter der Arbeitsüberlastung zusammenbricht, bei dieser Hitze… er ist ja schließlich auch nicht mehr der Jüngste…“
„Keine Angst, Tessa, meine Liebste“ beruhigte Senta sie mit zusammengebissenen Zähnen. „Barry ist ja nicht dumm. Vor allem weiß er mit seinen Kräften hauszuhalten und seine Prioritäten richtig zu setzen. Und die liegen eindeutig bei seiner Familie. Wenn ich da an andere Hundemänner denke, die sich nur gelegentlich, so dann und wann, daheim blicken lassen…“ Der Blick, den sie dabei Tessa zuwarf, war vielsagend und unmissverständlich.
„Aber liebste Senta!“ wehrte diese ab. „Arco kannst du damit bestimmt nicht meinen! Ich könnte mir keinen treueren Mann und fürsorglicheren Familienvater vorstellen als ihn, wirklich nicht! Natürlich, so behäbig wie Barry ist er nicht. Arco ist einfach ein Energiebündel, immer unter Spannung, immer unter Strom, immer beschäftigt, immer auf dem Sprung, immer aktiv,…“
„Da hast du wohl recht.“ stimmte Senta mit unergründlichem Lächeln zu. „Ich hatte da erst kürzlich einige äußerst aufschlussreiche Gespräche mit diversen anderen Hündinnen, die alle davon berichteten, dass Arco des öfteren bei ihnen auf einen Sprung vorbeischaut, weil er gerne aktiv werden möchte…“
„Ach wirklich? Wer soll denn das gewesen sein?“
„Na Lissy zum Beispiel, und Ronja, und dann noch Sissi, Molly, Lulu, Bess, Cora…“
„Ach komm, hör doch auf, Senta! Du wirst doch dem Geschwätz dieser Schlampen keinen Glauben schenken! Die sind doch nur neidisch, weil sie selbst keinen so tollen Mann haben. Das sind doch alles nur läufige…“ Sie stutzte unvermittelt, als sei ihr etwas in den Sinn gekommen.
„Obwohl, ich frage mich gerade, ob du da nicht etwas missverstanden hast. Vielleicht hast du dich auch ganz einfach nur verhört. Sowas kann schon mal vorkommen, wenn man nicht so ganz auf dem Damm ist. Und wenn ich dich genauer betrachte, liebste Senta, dann wirkst du ganz schön geschlaucht, so als hätte dich in letzter Zeit etwas gewaltig mitgenommen.“ Sie hielt inne und warf Sentas Kindern einen bezeichnenden Blick zu. „Aber ich kann mir schon vorstellen, was an deinen Energien zehrt. Tammy und Tommy scheinen ja jetzt gerade im schwierigsten Alter zu sein, da kommen die Probleme zuhauf. Es hat halt nicht jede Mutter das Glück, einen so vernünftigen und musterhaften Sohn zu haben wie ich.“
Senta verschluckte sich und musste erst eine Weile husten, bevor sie antworten konnte:
„Sei unbesorgt, liebste Tessa, meine Kinder bereiten mir nicht die geringsten Probleme, ich habe sehr viel Freude mit ihnen, gerade auch mit Tommy. Es ist eine wahre Wonne, zu sehen, wie sehr er nach seinem Vater gerät. Aber wenn du schon deinen Musterknaben erwähnst, ist denn nun mittlerweile geklärt, wie es dazu kam, dass er die Hälfte seines Ohrs verloren hat?“
Tessa zuckte bei der Frage zusammen, und es war offensichtlich, dass Senta hier einen wunden Punkt berührt hatte.
„Ach, Senta, das Thema lassen wir lieber sein, da muss ich mich nur ärgern. Wir wissen immer noch nicht mehr als damals, und Ronny will einfach nicht mit der Sprache rausrücken, wer es war und wie das vor sich ging. Aber mein Junge ist eben herzensgut und fair bis in die Knochen, vermutlich will er den Übeltäter schonen und ihm ein äußerst unangenehmes Schicksal ersparen. Arco hat nämlich schon angekündigt, dass er diesem Mistkerl, der seinen Sohn so verunstaltet hat, eine gehörige Lektion erteilen wird… sobald er ihn erwischt. Und wer Arco kennt, der weiß, dass er dann nichts zu lachen haben wird.“
„Wirklich edel, dein Sohn, alle Achtung!“ lobte Senta mit beißendem Spott, der Tessa allerdings zu entgehen schien.
„Übrigens, was sagt Arco eigentlich zu den auffallend krummen Beinen deines Sohnes?
„Wieso? Was soll er dazu sagen?“ Tessas Ton klang schlagartig sehr eisig und distanziert.
„Nun, Arco könnte ja argwöhnen, dass Ronny gar nicht von ihm stammt. Es wird ja gemunkelt, dass du dich eine Weile mit dieser Bulldogge getroffen hast…“
„Aber teuerste Senta, wo hast du denn diesen Unsinn aufgeschnappt? Erstens ist daran kein Wort wahr, und zweitens ist die Sache mit Attila schon längst wieder vorbei.“
„Keine Sorge, liebste Tessa, auf meinem Mist ist das bestimmt nicht gewachsen, aber du weißt ja, wie die Leute sind und was sie alles erzählen, wenn der Tag lang ist. Wenn die Meute mal ein Opfer gefunden hat, dann…“
„Wem sagst du das…“ Tessa seufzte tief.
„Allerdings wäre das doch zumindest eine sehr plausible Erklärung für Ronnys krumme Beine, findest du nicht?“
Tessa antwortete nicht, sondern wandte sich an die Kinder, die sich bisher absolut zurückgehalten und dem Gespräch ihrer Mütter gelauscht hatten:
„Sagt mal, ihr Drei, hättet ihr nicht Lust, euch eine Weile alleine zu beschäftigen? Ich habe mit Senta etwas unter vier Augen zu besprechen. Warum spielt ihr nicht ein wenig miteinander oder tollt im Park herum?“
Tammy und Tommy schauten ihre Mutter fragend an, doch die nickte nur. „Geht ruhig. Aber denkt an meine Worte und benehmt euch. Und jetzt verschwindet und lasst uns allein. Fort mit euch!“ Und dann, als die Kinder schon fast weg waren, fügte sie noch hinzu: „Und Tommy, kein Streit, ja?“

„Also Erwachsene sind schon komisch!“ Tammy seufzte tief. Die drei Kinder hatten sich ein wenig von ihren Müttern entfernt, und standen nun in einer ruhigen Ecke des Parks in der Nähe einiger Büsche. Sie konnten Senta und Tessa zwar noch sehen, hörten aber nicht mehr, was sie miteinander zu besprechen hatten.
„Allerdings!“ bestätigte Tommy. „Äußerst komisch. Wenn Mama mit dieser Tessa redet, dann klingt das irgendwie ganz anders, als wenn sie alleine mit uns ist. Und ich frage mich, warum sie überhaupt mit den krummen Beinen von Ronny angefangen hat. So was Besonderes sind die ja nun auch wieder nicht.“
„Halt gefälligst die Klappe, du Blödmann!“ knurrte dieser gereizt. „Fang bloß nicht du auch noch damit an. Und eins kann ich dir auch sagen: ich habe tausendmal lieber Beine, die ein ganz kleines bisschen krumm sind, als solche Quadratlatschen wie du sie hast. Die sehen dermaßen lächerlich aus, damit würde ich mich an deiner Stelle überhaupt nicht auf die Straße trauen!“
Tommy spürte, wie sich sein Nackenfell abermals sträubte, und es kostete ihn einiges an Anstrengung um äußerlich ruhig zu bleiben.
„Ein Vorschlag zur Güte, Ronny! Du lässt meine Füße aus dem Spiel und ich deine krummen Stelzen. Was hältst du davon?“
„Meinetwegen.“ knurrte dieser. „Deine stinkigen Füße interessieren mich wirklich nicht. Und sonst auch nichts an dir.“ Er lachte boshaft. „Deine Schwester dagegen gefällt mir schon eher. Komm her, Tammy, lass dich mal ausgiebig beschnüffeln, wir haben uns ja noch gar nicht begrüßt.“
„Bleib mir bloß vom Leib, Ronny!“ wehrte Tammy ab. „Ich mag von dir nicht beschnüffelt werden!“
„Was soll das heißen!? Spinnst du jetzt, oder was? Es ist unter Hunden Sitte, sich zu beschnüffeln, also stell dich nicht so an!“
„Mag ja sein, dass es üblicherweise so Sitte ist, aber von dir mag ich es nicht. Du bist mir dabei ein bisschen zu wild und zu aufdringlich!“
„Du hast wohl einen Schlag, du Zicke! Du bist die Jüngere, also hast du dich gefälligst beschnüffeln zu lassen! Also halt still, dann ist es gleich vorbei!“
„Sag mal, Ronny, hast du nicht gehört, was meine Schwester gesagt hat? Sie will nicht von dir beschnüffelt werden, was ist daran so schwer zu verstehen?“ Tommy versuchte nach wie vor ruhig zu bleiben, aber so ganz schaffte er es nicht und seine Stimme zitterte unüberhörbar vor Wut.
„Halt dich da raus, Tommibubi! Ich rede mit Deiner Schwester, nicht mit dir!“
Tommy knurrte wütend, und sein Fell kribbelte geradezu vor Verlangen, es diesem Angeber zu zeigen, doch Tammy beruhigte ihn: „Lass nur, Tommy, ich werde schon allein mit ihm fertig.“ Und zu Ronny gewandt: „Du magst vielleicht etwas älter sein, aber soviel auch wieder nicht, dass dir das irgendwelche Rechte über mich verleiht. Hast du mich verstanden?“
„Ich hab’s gehört, aber du glaubst doch wohl nicht, dass ich mir von einem Weib etwas sagen lasse? Ich werde dich beschnüffeln, ob’s dir passt oder nicht. Sei vernünftig, und halt still, dann geht es im Guten. Andernfalls… „er knurrte drohend und zeigte seine blitzenden Zähne. „Ich bin der Stärkere, vergiss das nicht!“
„Oh, was für toller Mann du doch bist!“ spottete Tammy. „Ein echter Held, der Schwächere mit brutaler Kraft unterdrückt. Ich fall ja gleich auf die Knie vor dir, so beeindruckst du mich!
Und jetzt sage ich es dir noch mal, zum letzten Mal: Du wirst mich nicht beschnüffeln und auch sonst nichts mit mir anstellen. Und weißt du warum? Mir passt ganz einfach deine Schnauze nicht, sie ist mir zu kalt und zu unsympathisch. Vor allem aber passt mir nicht, dass du hirnlos und gewalttätig bist, bleib mir also bitte vom Leib!“
„Ich hirnlos?!“ Ronny platzte schier vor Wut. Seine Stimme war nur noch ein heiseres Grollen: „Du hast es so gewollt! Jetzt kannst du was erleben!“
Er wollte sich auf Tammy stürzen, doch die wich blitzschnell zurück und dann war auch schon Tommy heran und schob sich zwischen beide. Wutentbrannt baute er sich vor dem jungen Boxer auf und knurrte drohend mit aller Resonanz, die sein junger Bernhardinerbrustkorb hergab. Und das war eine ganze Menge, fast hätte man glauben können, dass der Boden vibrierte.
„Zum letzten Mal, Ronny, lass meine Schwester in Ruhe! Sonst kannst du was erleben!“
Ronny geiferte wütend, dass der Schaum ihm aus dem Maul trat. „Aus dem Weg, du Waschlappen! Halt dich da raus, sonst wirst du es bereuen! Hast du die Abreibung schon vergessen, die ich dir das letzte Mal verpasst habe, du Schwächling?!“
„Weil du unfair gekämpft hast, du feige Kröte! Komm her, wenn du dich traust, und wir regeln das ehrlich, Mann gegen Mann!“
„Mann?“ Ronny knurrte verächtlich. „Du Muttersöhnchen weißt doch gar nicht was ein Mann ist, du hängst doch immer noch an Mamis Zitzen. Hast du nicht gehört, wie sie zu dir gesagt hat, du sollst dich benehmen und keinen Streit anfangen? Tu lieber, was sie sagt, das ist wesentlich besser für dich, glaub mir.“
Tommy stutzte. Verdammt, Ronny hatte ja recht, seine Mama hatte ihn extra davor gewarnt, sich auf Streit einzulassen. Doch dann spürte er, wie Tammy vor Wut und Erregung zitternd hinter ihm stand und seine Entschlossenheit kehrte zurück.
„Lass meine Mutter aus dem Spiel und verzieh dich!“
Ronny entblößte seine Zähne zu einem hinterhältigen Grinsen und knurrte dann triumphierend:
„Würde ich ja gerne, aber dreh dich um, da kommt sie ja selbst. Vermutlich um dir die Ohren langzuziehen, weil du ihr nicht gehorcht hast.“
Unwillkürlich drehte Tommy sich um und sah… Tammy… Sie hatte die Augen weit aufgerissen und rief warnend: „Vorsicht! Eine Finte! Er greift an!“
In dem Moment hatte sich Ronny schon mit aller Kraft auf Tommy gestürzt und versuchte ihn durch die Wucht seines Überraschungsangriffes zu Boden zu stoßen. Fast hätte er damit auch Erfolg gehabt, denn er schaffte es, Tommy, der nicht darauf gefasst war, aus dem Gleichgewicht zu bringen, worauf dieser ins Straucheln kam und schon halb am Boden lag. Sofort war Ronny über ihm. Tommy aber sah rot. „Da soll doch! Aber nicht mit mir! Diesmal nicht! Niemals!“
Mit höchster Anstrengung konnte er es gerade noch verhindern, dass er in Rückenlage kam und sein Gegner ihn mit seinem Körpergewicht bewegungsunfähig machen konnte. Er krallte alle seine vier Pfoten in den Boden, ging dann in die Knie und stemmte sich daraufhin mit solcher Wucht in die Höhe, dass Ronny, der wie eine Klette an ihm hing, einen halben Meter hoch in die Luft geschleudert wurde und dann wie ein Sack Kartoffeln auf den Boden krachte. Und jetzt war Tommy in der Oberlage. Wie ein Berserker stürzte er sich auf den verdatterten Ronny und schloss seine Zähne um dessen Gurgel, biss aber natürlich nicht zu.
„Gib auf!“ presste er zwischen den Zähnen hervor. „Du hast verloren!“
Ronny aber dachte nicht daran.
„Hilfe, Mama! Er will mich umbringen! Gleich beißt er zu! Hilfe!“
„So viel zum Thema ‚Muttersöhnchen'“ kommentierte Tammy und schnaubte verächtlich.
„Gib auf!“ wiederholte Tommy. „Gib auf, und ich lass los, vorher nicht!“
„Hilfe! Mama!“ Ronnys Rufe klangen diesmal noch jämmerlicher und verzweifelter. „Dieser Wahnsinnige killt mich! Hilft mir denn keiner!“
„Lass sofort meinen Sohn frei!“ Tessa hatte die Rufe ihres Sohnes gehört und war sofort im schnellsten Hundegalopp herbei gerannt.
„Halt du dich da raus, Tessa!“ keuchte Senta, noch etwas außer Atem. Auch sie war nun da und beobachtete aufmerksam den Kampf.
„Du hast sie wohl nicht mehr alle, was? Soll ich meinen Jungen vielleicht von dieser wildgewordenen Bestie killen lassen? Sag ihm auf der Stelle, er soll Ronny loslassen!“
„Erst wenn er sich ergibt, eher nicht!“ knurrte Tommy, hielt die Kehle seines Gegners aber nach wie vor fest mit seinen Zähnen umschlossen.
„Also Tessa, du hörst es, sag deinem Sohn, er soll sich ergeben, wie es unter Hunden üblich ist, dann lässt Tommy ihn auch sofort frei.“
„Hilfe! Mama! Er will mir die Gurgel durchbeißen! Hilfe! Es tut weh! Ich glaube, ich blute schon! Hilfeeeee!“
„Mir reicht’s jetzt! Na warte, du!“
Tessa konnte Ronnys verzweifelte Klagen nicht länger ertragen. Sie stürzte sich mit gefletschten Zähnen auf Tommy und biss ihn ins Hinterteil. Einmal, zweimal, immer wieder…
„Lässt du wohl meinen Sohn in Ruhe, du Schlampe! Das ist unfair!“ Senta war wütend, Tessa aber reagierte nicht. Tommy hingegen ließ sich zunächst nicht stören, da er die Bisse zwar spürte, sie ihm wegen seines dichten Fells aber kaum etwas anhaben konnten. Da änderte Tessa ihre Taktik und packte ihn an seinem rechten Ohr. Und das tat schon weher, denn hier war er sehr empfindlich. Laut heulte er auf und wohl oder übel musste er Ronnys Kehle loslassen. Der wiederum nutzte die Gunst des Augenblicks, um sich unter Tommy hervorzuwinden und ihn seinerseits anzugreifen. Nun war dieser in der Zange zwischen Mutter und Sohn, die ihm beide heftig zusetzten.
„Mama! Tu doch was!“ heulte Tammy auf. „Zwei gegen einen, das ist unfair!“
Senta war genau derselben Ansicht und diesmal hielt sie sich auch nicht mit langen Vorreden auf, dazu war sie zu wütend. Wie eine Furie griff sie Tessa an, dass diese vor Schreck zusammenzuckte und laut aufheulte, als habe der Blitz sie getroffen. Tommy war nun wenigstens von dieser Gegnerin befreit und konnte sich wieder auf Ronny konzentrieren, mit einer gehörigen Ladung Wut im Bauch. Sie verlieh ihm derartige Kräfte, dass der Boxer erneut zurückweichen musste. Dieser geballten Ladung an Kraft und verbissener Entschlossenheit hatte er wenig entgegenzusetzen. Er merkte auch sehr schnell, dass er auf verlorenem Posten stand und versuchte sich zu seiner Mutter zu flüchten, die aber mit Senta mehr als ausreichend beschäftigt war und ihm nicht mehr helfen konnte. Unter den Füßen ihrer Mütter rangen die beiden eine Weile weiter, schließlich startete Ronny den letzten verzweifelten Versuch, Tommy zu entkommen, indem er Anstalten machte, zwischen Sentas Beinen durchzuwuseln. Tommy wollte ihn mit dem Maul festhalten, fand aber an seinem glatten Fell keinen Halt . Also warf er sich mit seinem gesamten Gewicht auf Ronnys Rücken und versuchte so, ihn an den Boden zu nageln.
Gleichzeitig kämpften ihre Mütter eine Etage höher ebenfalls miteinander, mindestens genauso verbissen und wütend, wenn nicht sogar noch mehr.
Tessa versuchte sich zwar tapfer gegen Senta zu wehren, aber auch sie stand auf verlorenem Posten. Tommys Mutter war größer, stärker und jünger, vor allem aber trieb sie eine lange unterdrückte Wut an, und fast schien es, als entlade sich diese Wut mit der Macht einer plötzlichen Explosion. Mit ihrem letzten Rest an Kraft bäumte sich Tessa auf und wollte Senta frontal anspringen, doch diese tat es ihr gleich, und so umschlangen sich beide mit den Vorderläufen und richteten sich dabei auf, als wollten sie miteinander tanzen, während sie versuchten sich gegenseitig zu Boden zu drücken. Doch nur kurz dauerte das Tänzchen, dann war alles vorbei und der ganze Spuk war so schnell zu Ende wie er begonnen hatte. Und den letzten Ausschlag dazu gab niemand anderer als Tammy. Bei Tommys Kampf gegen Ronny hatte sie sich zunächst ja noch zurückgehalten, aber als auch ihre Mutter mitmischte, konnte auch sie sich nicht mehr bremsen und sprang Tessa von hinten ins Kreuz. Damit waren die Karten gefallen: Tessa gab entnervt auf und auch Ronny erklärte sich auf ihren Zuruf als unterlegen. Tommy ließ ihn daraufhin sofort frei, Mutter und Sohn schüttelten sich noch einmal, und waren dann auf der Stelle verschwunden, ohne auch nur ein Wort zu verlieren oder sich noch einmal umzudrehen.

„Was für ein Pack!“ Aus Senta sprach die pure Empörung. „Eine saubere Familie fürwahr, da sieht man mal wieder, dass der Apfel nicht weit vom Stamm fällt. Aber was soll’s, Hauptsache, wir sind sie endlich los.“
Tommy dagegen konnte seinen Sieg über den Widersacher nicht so recht genießen, plagte ihn doch nicht wenig das schlechte Gewissen, ihm war nämlich sehr wohl bewusst, dass seine Mutter ihm das Streiten verboten hatte. Auch Tammy schien in dieser Hinsicht Bedenken zu haben:
“ Mama, du darfst Tommy aber nicht schimpfen, er hat mich ja schließlich nur verteidigt.“
„Aber das weiß ich doch, Tammy. Ich habe auch gar nicht vor, deinen Bruder zu schimpfen.“
„Nicht?“ Tommy war äußerst überrascht. „Ich dachte, weil du doch sagtest…, kein Streit, und so…“
„Richtig, ich habe dir verboten, zu streiten, und damit meinte ich, dass du keinen Streit suchen sollst. Aber keinen Streit zu suchen, bedeutet keinesfalls, dass man sich nicht wehren darf, wenn man angegriffen wird. Vor allem aber bedeutet es nicht, dass man einfach zusehen soll, wenn jemand Schwächerer angegriffen oder misshandelt wird. Und genau das hast du nicht gemacht, Tommy, deshalb bin ich sehr stolz auf dich.“
Sentas Worte gingen Tommy runter wie Butter und ein wohlig warmes Gefühl breitete sich in seinem Magen aus. Er warf seiner Schwester einen Seitenblick zu:
„Tammy hat ihm aber auch ganz schön Paroli gegeben, gar nicht mal schlecht für ein Mädchen. Und wie sie dann Tessa angesprungen ist, wie eine richtige Amazone, alle Achtung!“
„Oh Tommy!“ säuselte Tammy und täuschte einen Ohnmachtsanfall vor. „Bitte lobe mich doch nicht ohne Vorwarnung! Wie soll ich diesen Schock überleben, wenn ich mein Riechfläschchen nicht bereit habe?“
„Ach übertreib doch nicht so, du tust ja gerade, als ob ich dich nie lobe…
„Naja…“ meinte Tammy nur und Senta lachte: „Es könnte öfter sein, aber du hast Recht, Tommy, deine Schwester hat auch einiges an Rückgrat bewiesen. Und deshalb bin ich auch auf euch beide stolz. Und ich bin sicher, auch euer Vater wäre das.“
„Wieso ‚wäre‘?“ fragte Tommy.
„Nun, weil ich es aus bestimmten Gründen für besser halte, ihm nichts von der ganzen Angelegenheit zu erzählen. Wir wollen ihn doch nicht unnötig aufregen, oder.“
„Also aufregen würde er sich sicher!“ meinte Tammy. „Diesen Arco, samt Gemahlin und Sohnemann, kann er nämlich noch viel weniger ausstehen als Tassilo, und das will was heißen.“
„Schade ist es trotzdem.“ Tommy überlegte. „Aber wenn ihn das mit dieser Tessa aufregt, dann regt ihn die Sache mit der Katze doch bestimmt auch auf, oder?“
„Und das Theater um die Wurst!“ ergänzte Tammy.
„Oh ihr Spitzbubengesindel! Ich durchschaue euch!“ Senta spielte sehr gekonnt die Empörte.
„Aber gut, abgemacht. Er wird auch davon nichts erfahren, zumindest nicht von mir. Zufrieden?“
„Natürlich, Mama!“ grinste Tommy. „Obwohl…, ich meine, du musst ihm ja nichts Genaues erzählen, aber vielleicht könntest du so ganz allgemein erwähnen, dass seine Kinder sich heute geradezu vorbildlich betragen haben. Oder so…“
„Oder so, genau. Ich denke, da warten wir besser erst noch ab, wie ihr euch heute noch aufführt, der Tag ist ja schließlich noch nicht zu Ende. Und wenn ihr schön brav seid, dann werde ich das eurem Vater sicher nicht verschweigen. Und jetzt kommt, ich denke, dass wir uns auf den Schreck erst einmal ein wenig ausruhen sollten. Ich schlage vor, wir legen uns ein wenig in den Schatten dieser Büsche und halten ein kleines Nickerchen. So ein Kampf ist doch ganz schön anstrengend, zumindest in meinem Alter. Und du, Tommy, komm mal her zu mir. Lass dich untersuchen, bist du vielleicht verletzt, tut dir was weh?“
„Nein, Mama!“ Tommy schüttelte den Kopf, dass seine Ohren nur so flogen. „Mir fehlt überhaupt nichts, und es tut auch nichts weh. Ich habe ein dickes Fell.“
„Das hast du auch von deinem Vater geerbt, zum Glück, in diesem Fall.“
„Und du, Mama?“ fragte Tammy. „Ist mit dir auch alles in Ordnung? Besonders zimperlich war diese Tessa nämlich nicht gerade.“
„Nein, das war sie wirklich nicht, aber mir geht es genauso blendend wie Tommy. Ich habe nämlich auch ein sehr dickes Fell. Aber das brauche ich auch, bei eurem Vater genauso wie bei euch.“
„Du übertreibst, Mama!“ Tommy klang empört.
„Ja, das tue ich, aber nur ein ganz klitzekleines Bisschen.
Und jetzt kommt, wir wollen uns ein wenig ausruhen, damit wir hinterher noch ausreichend Energien haben, um uns zu amüsieren, bevor wir wieder heimgehen.“

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