5 Hoch das Bein!

Modell fuer Kurts Hundegeschichte

„Ich weiß nicht, ich weiß nicht, ob das wirklich eine so gute Idee von mir war, heute mit euch einen Ausflug in den Park zu machen, bisher gab es ja nichts als Ärger.“ Senta stöhnte und schaute ihre Kinder vorwurfsvoll an. Die aber taten so, als ob sie das alles gar nichts anginge.
„Ist es noch weit, Mama?“ Tammy versuchte durch diese Frage ihre Mutter von ihrem Unmut etwas abzulenken.
„Eigentlich nicht, ich bin aber trotzdem nicht sicher, ob wir jemals dort ankommen werden. Wenn es so weitergeht wie bisher, dann wird das nie was. Und du, mein Fräulein, glaub bloß nicht, dass ich dir dein Verhalten am Brunnen so einfach durchgehen lasse, ich bin momentan nur zu geschafft und habe keine Lust, mich jetzt mit dir darüber zu unterhalten, das machen wir später in einer ruhigen Minute.“
„Aber Mama…!“
„Tammy, tu mir bitte einen Gefallen und streiche mal für eine Weile das Wörtchen ‚aber‘ aus deinem Wortschatz, ja?“ Senta streifte den neben ihr trabenden Tommy mit einem strengen Seitenblick. „Das gilt auch für deinen Bruder. Es gäbe doch wahrlich so viele andere schöne Ausdrücke in unserer Sprache, zum Beispiel ‚Ja, Mama!‘, oder ‚Sofort, Mama!‘, oder ‚Du hast ja so recht, Mama!‘. Vielleicht versucht ihr es mal mit denen…“
„Aber Mama…“
„Sag mal, Tommy, hörst du eigentlich zu, wenn ich etwas sage?“
“ Aber natürlich, Mama, das tue ich doch immer!“
„Na gut, das wäre ja immerhin schon mal ein Anfang. Jetzt musst du nur noch begreifen, dass es nicht reicht, einfach nur zuzuhören. Vielmehr ist es mindestens genauso wichtig, das Gehörte zu verstehen und anschließend entsprechend in die Tat umzusetzen.“
„Aber Mama, das tue ich doch!“
„Argh! Tommy, ich glaub ich geb es auf mit dir! Das wird ja nie mehr was!“
„Meine Rede seit Anno Schnee. Bei meinem Bruderherz ist wirklich Hopfen und Malz verloren. Ein komplett hoffnungsloser Fall, wie er im Buche steht!“
„Tammy, fang jetzt bitte nicht du auch noch an, ja? Wenn ihr euch nicht vertragt, ist es besser, wir kehren gleich wieder um.“
„Wieso, wir vertragen uns doch, Mama!“ protestierte Tammy.
„So? Für mich hört sich das an, als ob ihr ständig miteinander zankt.“
„Ein echter Mann zankt sich nicht, das ist was für launische Weiber und kleine Kinder.“
Tommy sprach mit dem Brustton der Überzeugung. „Wenn es mal erforderlich sein sollte, dann sagt ein Mann seine Meinung, und das klar und deutlich, aber in aller Ruhe, alles andere ist unter seiner Würde.“
„Vielen Dank, mein Sohn.“ Senta schmunzelte: „Ich bin ja schon lange auf der Suche nach jemandem, der mir das Wesen echter Männer erklärt.“
„Ich auch, Mama.“ Tammy blies ins selbe Horn. „Aber wie es aussieht, haben wir den ja endlich gefunden. Was für ein Glück wir doch haben!“ Beide glucksten.
Tommy antwortete nicht, sondern grummelte nur mürrisch vor sich hin.
Doch dann war es endlich so weit: „So, Kinder, wir sind am Ziel! Dort vorne beginnt der Stadtpark. Und vergesst bitte nicht, was ich euch gesagt habe: Führt euch anständig auf und macht mir keine Schande. Habt ihr verstanden?“
„Natürlich, Mama.“ Tammy seufzte. „Du musst uns wirklich nicht alles fünfmal sagen, wir sind ja schließlich keine kleinen Kinder mehr. Zumindest ich nicht.“
„Und ich erst recht nicht!“ brummelte Tommy immer noch etwas mürrisch.
„Na gut, dann beweist es mir, die Gelegenheit habt ihr ja jetzt. Und ihr wisst: Kein Gebelle, kein Geheule, kein Gejaule, kein…“
“ kein Gewimmer, kein Gewinsel, kein Gesabber!“ setzten die beiden einstimmig fort. „ Ja, Mama, wir wissen!“
„Also gut! Auf geht’s!“

Sie hatten die belebte Fußgängerzone hinter sich gelassen und trotteten jetzt auf einem Kiesweg dahin, neben dem ein Bach floss. Die Sträucher und Bäume standen im Randbereich des Parks dicht an dicht und bildeten fast so etwas wie eine natürliche Mauer, die den grünen Bereich gegen die besiedelte Stadt abschottete.

„Toll, Mama, hier ist ja alles grün. Ich glaub ich bin im Wald.“ Tammy staunte. Tief sog sie die saubere, frische Luft in ihre Lungen. „Und das riecht hier so gut. So aromatisch, so würzig nach… nach…“
„Nach Wald.“ Ergänzte Tommy trocken.
„Danke, Bruderherz, darauf wäre ich jetzt nicht gekommen.“

„Ja, in gewisser Weise ist das in der Tat ein Wald mitten in der Stadt und hier leben auch allerhand Waldtiere, wie zum Beispiel Hasen oder Eichhörnchen.“ erklärte Senta. „Also, Tommy, erinnere dich bitte daran, was ich gesagt habe, und fang nicht wieder an, irgendwelche Tiere durch die Gegend zu hetzen.“
„Aber Mama, ich doch nicht. Ich weiß gar nicht, wie du darauf kommst. Außerdem hat es die Katze vorhin selbst herausgefordert.“
„Nun gut, wenn du also wieder auf ein Tier triffst, das es ‚herausfordert‘, dann denke daran, dass du ein echter Mann bist, der sich voll im Griff hat, und lass es einfach in Ruhe. Sollte doch zu schaffen sein, oder?“
„Klaro, Mama, kein Problem.“
„Na, wollen wir’s hoffen.“
Die Vegetation lockerte sich jetzt etwas auf und gab den Blick auf ausgedehnte Rasenflächen frei, auf denen nur noch
vereinzelt Büsche oder Bäume standen. Der freie Platz wurde aber auch gebraucht, denn an vielen Stellen lagen spärlich bekleidete Menschen im Gras und sonnten sich.
„Mit den Menschen ist es schon seltsam…“ sinnierte Tammy. „Die können einfach ihr Fell ausziehen, wenn es ihnen zu heiß wird.“
„Stimmt!“ bestätigte Senta. „Und gerade an so heißen Tagen wie heute beneide ich sie fast darum. So praktisch ein warmes Fell im Winter auch sein mag, aber wenn man bei großer Hitze mit dem Hecheln gar nicht mehr nachkommt, dann ist es einfach nur lästig.“
„Wir könnten zur Abfrischung ja schnell in den Bach hüpfen.“ schlug Tammy vor. „Dem Mädchen am Brunnen vorher hat das ja auch sehr gut getan.“
„Eine hervorragende Idee!“ lobte Senta. „Da hätte ich auch selbst draufkommen können. Kommt Kinder, eine kleine Abfrischung wird uns sicherlich nicht schaden.“ Sie drehte sich nach ihrem Sohn um, der ein wenig zurückgeblieben war.
„Tommy, kommst du auch?“
„Ja gleich, ich habe noch was zu erledigen.“
Er verspürte nämlich schon seit einer Weile einen zunehmenden Druck auf der Blase und hatte sich schon überlegt, sich in die Büsche zu schlagen, da erweckte ein Hinweisschild in Form eines Pfeils sein Interesse, auf dem in großen, schwarzen Buchstaben „WC“ geschrieben stand. Genauer gesagt war es nicht das Schild selbst, das seine Aufmerksamkeit erregt, sondern der steinerne Sockel, auf dem es emporragte. Schon von weitem roch er, dass schon etliche andere Hunde ihn für einen ganz bestimmten Zweck benutzt hatten, und je näher er ihm kam, desto mehr bestärkte seine Nase diesen Eindruck. Zunächst mal beschnüffelte er den Steinquader ausgiebig und verschaffte sich so einen groben Überblick, wer schon aller vor ihm hier gewesen war. Auf jeden Fall niemand, den er kannte, das konnte er mit Bestimmtheit sagen. Als er die Prüfung abgeschlossen hatte, dachte er sich „Na, dann werde ich mich mal anschließen!“, hob dann sein Bein und wässerte den Sockel ausgiebig. „Ah, das tut gut! War auch lange überfällig.“

„Tommy! Ja sag mal, was treibst du denn da?“
Die Stimme seiner Mutter. Tommy drehte sich überrascht um, wieso klang sie so wütend?
„Was ich treibe? Na, ich wässere diesen Stein, hast du vielleicht etwas dagegen?“
„Und ob ich etwas dagegen habe!“
Seine Mutter war herbeigetrabt und stand jetzt direkt vor ihm.
„Du benimmst dich wie ein dahergelaufener Straßenköter, Tommy, weißt du das?“
„Aber Mama! Was meinst du damit? Ich bin ein Rüde, ein echter Mann! Ich muss mein Revier markieren! Das habe ich so im Blut, ich kann gar nicht anders!“
„Unsinn! Ich habe dir vorhin schon erklärt, dass hier nicht unser Garten ist. Der Park ist genauso wie die Fußgängerzone öffentliches Revier, du hast hier nichts zu markieren, fertig. Ist das jetzt klar?“
„Aber Mama! Ich bin doch nicht der erste! Da waren schon viele andere vor mir, die den Stein auch angepinkelt haben!“
„Ja und? Glaubst du, dass es dadurch besser wird? Merk dir bitte ein für allemal, mein Sohn, dass du für deine Taten selbst verantwortlich bist. Und wenn du Bockmist baust, dann ist es nur eine sehr schwache Entschuldigung, dass andere vor dir das auch schon getan haben.“
„Aber Mama! Ich war mal mit Papa unterwegs, und da hat er auch einfach…“
„Das musste ja kommen! Natürlich ist mir sehr wohl bewusst, dass du diese Unart, ach was, sämtliche Unarten von deinem Vater hast, von wem auch sonst, das musst du nicht noch extra betonen. Aber ich sag es dir noch mal: Du bist selbst verantwortlich für das, was du tust, und ich werde nicht dulden, dass du die Verantwortung dafür auf andere abwälzt. Und dieses wilde Herumpinkeln an allen möglichen und unmöglichen Stellen ist eine Unart. Wenn dein Vater mit mir unterwegs ist, dann lässt er das schön bleiben, und dir werde ich es auch noch abgewöhnen.“
„Mir ist immer noch nicht klar, was daran so schlimm sein soll, wenn ich diesen Stein ein bisschen anpinkle. Das trocknet doch wieder.“
„Soso, das trocknet wieder. Dann stell dir einfach vor, dass jeder das so hält, der hier vorbeigeht. Dann trocknet da so schnell nichts mehr. Schau, Tommy, im Wald oder in der freien Natur kann einfach jeder dort hinmachen, wo er will, da ist das kein Problem. Aber hier sind wir zwar im Park, aber doch mitten in einer dicht besiedelten Stadt, da gelten andere Gesetze. Hier sind einfach zu viele Wesen auf zu engem Raum, als dass jeder einfach unbekümmert seinen Dreck abladen könnte, ohne sich um die Folgen zu kümmern.“
„Ich glaube, Tommy hat da einfach was verwechselt, Mama.“ Tammy grinste. „Er hat das Schild mit der Aufschrift ‚WC‘ gelesen und gedacht, das sei der Ort, wo er sein Geschäftchen machen kann.“
„Blödsinn!“ knurrte Tommy. „Ich weiß ja nicht mal, was ‚WC‘ überhaupt bedeutet!“
„Ganz einfach, das steht für Toilette.“ klärte Senta ihn auf. „Also für den Ort, an dem die Menschen ihren diesbezüglichen Bedürfnissen nachgehen.“
„Na also!“ knurrte Tommy, „für Hunde gibt es ja gar keine Toiletten!“
„Oh, täusche dich da nicht, mein Sohn. Vielleicht kommen wir heute sogar noch an einer Stelle vorbei, an der welche angeboten werden.“
„Und wie soll das aussehen?“
„Ganz einfach. Das ist ein Automat, an dem die Hundebesitzer sich gegen ein kleines Entgelt eine Tüte samt Schäufelchen holen können, um damit die Hinterlassenschaften ihres Lieblings so zu beseitigen, dass sie niemanden stören. Allerdings sind nicht alle Herrchen und Frauchen so verantwortungsbewusst, viele lassen ihre Schutzbefohlenen einfach dort hinmachen, wo sie gerade gehen und stehen.“
„Dafür kann der Hund dann aber nichts.“
„Nein, Tommy, dafür nicht. Aber wenn der Hund alleine unterwegs ist, so wie wir heute, dann kann man sehr wohl von ihm erwarten, dass er sich ein geeignetes Plätzchen sucht, an dem andere von seinen Hinterlassenschaften nicht gestört oder beeinträchtigt werden. Es sei denn, er möchte für einen ordinären Straßenköter gehalten werden und dem guten Ruf aller Hunde schaden. Und das möchtest du ja wohl nicht, oder?“
„Nein, natürlich nicht.“
„Also gut, dann weißt du es fürs nächste Mal. Und jetzt kommt, hüpfen wir noch ein wenig ins Wasser. Ich glaube ein wenig Abfrischung können wir alle gebrauchen.“

wc4 Kopie

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