3 Katzenjagd

HP3b

Die drei Hunde spazierten gemächlich durch die Fußgängerzone, froh darüber, dass hier keine Autos fuhren, und so ihre empfindlichen Nasen und Ohren geschont wurden.
„Du, Mama?“ meldete sich jetzt Tammy.
„Ja, was ist denn?“
„Mama, sag mal, findest du nicht, dass du uns noch wie kleine Kinder behandelst, und das, obwohl wir doch praktisch schon fast so gut wie erwachsen sind?“
„Nun ja, darüber kann man unterschiedlicher Auffassung sein. Ihr seid zwar keine Babys mehr, aber manchmal führt ihr euch immer noch so auf. Und dementsprechend werdet ihr natürlich auch behandelt.“
„Damit kannst du aber bestenfalls Tammy meinen“, erklärte Tommy, „denn ich kann mich nicht erinnern, mich jemals wie ein Baby aufgeführt zu haben. Echte Männer tun so was nicht.“
„Das mag sein“, Tammys Worte trieften förmlich vor Spott. „Aber sag mal, Mama, siehst du hier irgendwo einen echten Mann?“
„Keine Chance, Schwesterchen!“ knurrte Tommy grimmig. „Soll ich dir noch was über echte Männer erzählen? Die lassen sich nämlich nicht provozieren, schon gar nicht von dummen kleinen Zicken, die nur neidisch sind.“
„Pah! Neidisch? Worauf denn? Auf deine Plattfüße jedenfalls nicht!“
„Plattfüße? Wer hat hier Plattfüße?“ In Tommys Stimme schwang eine unüberhörbare Drohung mit.
„Ach, Brüderchen, das tut mir jetzt aber echt leid, falls ich dir auf die Pfoten gestiegen sein sollte. Aber bei der Größe sind sie nun mal schwer zu verfehlen.“
„Du! Pass bloß auf, sonst…“
„Aber Tommy!“ schaltete sich jetzt Senta ein. „Du als echter Mann wirst dich doch nicht provozieren lassen, noch dazu von einem Mädchen, oder?“
„Ich doch nicht, Mama! Du siehst doch, ich bin die Ruhe selbst. Ich hab mich voll im Griff…“ Er stutzte, da er etwas entdeckt hatte, das seine Aufmerksamkeit erregte: Eine grau getigerte Katze hatte vor einem Hauseingang gesessen, und richtete sich nun auf, als sie die drei Hunde auf sich zukommen sah. Erst machte sie einen Buckel, doch dann entschied sie sich für die Flucht und rannte davon, so schnell sie konnte.
„Na warte, dich krieg ich!“ entfuhr es Tommy. Und schon stürmte er los, alles andere um sich herum vergessend.
„Halt, Tommy!“ bellte Senta ihm hinterher. „Lass die Katze in Ruhe, sie hat dir nichts getan! Komm sofort zurück!“
Doch das Jagdfieber hatte Tommy derart gepackt, dass er gar nichts von ihren Rufen mitbekam und nur noch die Katze vor sich sah. Die schlug Haken fast wie ein Hase, aber Tommy blieb dran und jagte sie kreuz und quer durch die halbe Fußgängerzone. Schließlich aber rettete sie sich auf einen steinernen Poller, der gerade hoch genug war, dass Tommy sie nicht erreichten konnte. Wütend stellte er seine Vorderpfoten auf den Sockel des Pollers und bellte zu ihr hoch: „Komm runter, wenn du dich traust, du Feigling!“

Doch die Katze beachtete ihn gar nicht und begann dann, sich in aller Ruhe die Pfote zu lecken.
Gerade das aber ärgerte Tommy umso mehr, denn wenn er das Mistvieh schon nicht erwischen konnte, dann sollte es sich wenigstens gehörig vor ihm fürchten. Wieder bellte er voller Wut zu ihr hinauf: „Komm runter, du Flasche! Traust dich wohl nicht? Angsthase!“
Die Katze aber reagierte immer noch nicht so, wie er es gerne gehabt hätte. Sie ließ – Zack! Zack! Zack! Zack! Zack! – die Krallen der rechten Pfote ausfahren und schaute dann in aller Seelenruhe zu ihm hinunter:
„Is was, Kleiner? Kann ich etwas für dich tun?“
„Ich bin nicht klein!“ kläffte Tommy erbost. „Ich bin größer als du! Komm runter, damit ich dir das Fell über die Ohren ziehen kann! Ich…“
„Sag mal, Tommy, was treibst du denn da?“
Die Stimme seiner Mutter. Sie klang sehr ärgerlich und nur mühsam beherrscht:

„Was ich treibe? Ich jage die Katze, das siehst du doch?“
„Und was hat sie dir getan?“
„Was sie getan hat? Na, sie ist eine Katze! Der natürliche Feind aller Hunde! Das reicht doch, oder?“
„Hör mal, mein Sohn, wir leben nicht mehr in der Steinzeit, auch wenn dein Vater und du das immer noch zu glauben scheinen. Die Zeiten sind ein für allemal vorbei, in denen wir den Menschen im Kampf gegen die Höhlenlöwen und Säbelzahntiger beistehen mussten. Heutzutage sind Katzen einfach nur Haustiere wie wir Hunde auch, oder Goldfische, oder Kanarienvögel…“
„Gegen Goldfische oder Kanarienvögel habe ich ja auch nichts, aber Katzen sind einfach nur widerlich!“
„Widerlich finden kannst du sie ja, aber das gibt dir noch lange nicht das Recht, sie zu jagen.“
„Aber Mama, ich bin ein Rüde! Ein echter Mann! Und wenn ich eine Katze sehe, dann muss ich sie einfach jagen! Das steckt mir im Blut!“
„Unsinn! Das ist doch nur eine faule Ausrede! Du hast einfach noch keinerlei Selbstbeherrschung! Das ist es und nichts anderes! Außerdem wäre mir absolut neu, dass unser Herrchen dich als Jagdhund vorgesehen hat, damit wärst du wohl auch noch ein wenig überfordert. Und dir ist anscheinend auch noch nicht ganz klar, dass gerade Jagdhunde äußerst diszipliniert und gehorsam sein müssen. So einer käme niemals auf die Idee, einfach einer Katze hinterher zu rennen. Niemals, verstehst du? Ein Jagdhund hetzt die Beute ausschließlich auf Kommando, und nie – ich wiederhole – nie auf eigene Faust. Und jetzt hör mir bitte einmal ganz genau zu, mein Sohn: Hetze nie wieder ein anderes Tier, egal ob Katze oder sonst was! Denn hier in der Stadt mag es ja gerade noch angehen, aber wenn dich ein Jäger im Wald beim Wildern erwischt, dann kann es sein, dass er einfach zum Gewehr greift und dich erschießt. Das Recht dazu hat er nämlich.“
„Stimmt das wirklich, Mama?“ fragte Tammy besorgt, denn der Gedanke, dass ihr Bruder von einem Jäger erschossen werden könnte, behagte ihr ganz und gar nicht.
„Ja, das stimmt wirklich. Ich kenne da sogar einen Fall aus unserer Gegend, und zwar war das ein junger Schäferhund, den der Jäger beim Hetzen eines Rehs erwischt hat.“
„Und? Was war dann?“ fragte Tommy.
„Was war? Peng und tot, so schnell geht das. Also reiß dich bitte in Zukunft zusammen. Versprichst Du mir das?
„Also gut, ich verspreche es.“
„Nimm dir einfach ein Beispiel an deinem Vater. Der käme auch nie auf die Idee, einfach so ein anderes Tier zu jagen, dazu ist er viel zu faul…, äh… zu vernünftig, wollte ich sagen.“
„Na ja, aber Katzen mag er auch nicht so besonders, was ich bisher so mitbekommen habe.“
„Heilige Einfalt! Es verlangt ja auch keiner von dir, dass du die Katzen inbrünstig lieben sollst. Es reicht vollkommen, wenn du dich so weit im Griff hast, dass du sie nicht mehr durch die Gegend hetzt! Ist das denn so schwer zu verstehen?“
„Nein, Mama, ist klar.“
„Na also, dann machen wir jetzt gleich die Probe aufs Exempel. Geh mal ein paar Schritte zurück, damit die Katze vom Poller herunterspringen kann. Oder soll sie vielleicht bis in alle Ewigkeit dort oben ausharren müssen?“
„Meinetwegen schon!“ brummelte Tommy, aber nur ganz leise, und wich dann etwas zurück, wie seine Mutter es ihm befohlen hatte.
Die Katze aber hatte es überhaupt nicht eilig, sondern putzte erst noch in aller Ruhe die andere Pfote zu Ende, bevor sie sich endlich streckte und räkelte, und dann mit einem geschmeidigen Satz auf den Boden sprang. Dort dehnte sie ihre Glieder erneut in aller Gelassenheit und ging dann langsam, mit federnden Schritten und wiegenden Hüften davon. Als sie an Tommy vorbeikam, zuckte ihr Schwanz hin und her und berührte dabei wie zufällig ganz leicht seine Schnauze, so als wolle sie ihn kitzeln.
„Mama! Hast du das gesehen? Dieses Mistvieh von Katze provoziert mich!“
„Na und? Du bist doch ein echter Mann, der sich voll im Griff hat, oder? Also, dann zeig mal, was du drauf hast!“
Tommy biss wohl oder übel die Zähne zusammen, dass sie nur so knirschten, aber er schaffte es, sich zu beherrschen und die Katze wie Luft zu behandeln, so als ob sie gar nicht da wäre. Leicht fiel ihm das gewiss nicht, aber er wusste genau, dass seine Schwester nur darauf lauerte, dass er die Beherrschung verlor, um ihn dann damit aufzuziehen. Und diese Freude gönnte er ihr absolut nicht, das war ihm diese dumme Katze dann doch nicht wert. Die aber verlor sehr schnell die Lust an dem Spiel, als sie merkte, dass sie es nicht schaffte, Tommy aus der Ruhe zu bringen. Schließlich warf sie ihm einen letzten provozierenden Blick über die Schulter zu und trollte sie sich endgültig von dannen.

„Na also, mein Sohn, das hast du jetzt wirklich gut gemacht. Das war eine Glanzleistung an Selbstbeherrschung. Nur weiter so, dann wird vielleicht wirklich mal ein richtiger Mann aus dir.“
„Aber Mama! Du tust gerade so, als ob ich noch ein kleines Kind wäre! Außerdem sehe ich immer noch nicht ein, warum ich mir von diesem Katzenvieh alles gefallen lassen soll! Die hat doch hier nichts verloren!“
„Hör mal, mein Sohn, sie hat hier genau so viel oder so wenig verloren wie du oder ich. Wir sind hier nicht zuhause bei uns im Garten, das hier ist ein öffentliches Revier, und in dem darf jeder tun und lassen, was er will…“
„Na also! Und ich will Katzen jagen!“
„Moment! Lass mich doch bitte erst mal ausreden, ja? Hier darf nämlich in der Tat jeder tun und lassen, was er will, solange er sich dabei an bestimmte Regeln des Zusammenlebens hält. Und dazu gehört unter anderem natürlich auch, dass ich nicht andere einfach so durch die Gegend hetze, nur weil mir ihre Nase nicht gefällt.“
„Gegen die Nase von Katzen habe ich ja gar nichts, mich ärgert nur die unverschämte Art dieser Viecher.“
„Ach was, lenk doch nicht ab! Du weißt ganz genau, wie ich es gemeint habe, mein lieber Sohnemann. Und ich möchte dir auch raten, dich ein wenig zusammenzuzureißen, sehr viel darfst du dir heute nämlich nicht mehr erlauben, ich hoffe du hast mich verstanden. Oder soll ich erst deutlicher werden?“
„Nein, Mama, ich habe verstanden. Nur…“
„Nein, kein ’nur‘!“
„Aber…!“
„Nein, auch kein ‚aber‘! Also, hast du mich verstanden, ja oder nein?“
„Ja, Mama.“
„Na also, warum nicht gleich so. Und jetzt kommt, wir haben schon viel zu viel Zeit hier vertrödelt. Wenn das so weitergeht, kommen wir nie in den Park. Moment mal! Wo steckt eigentlich Tammy? Gerade eben war sie doch noch hier! Tammy! Wo steckst du denn?“

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