10 Die Tatzen des Todes

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Gehorsam schleppte Tommy die unhandliche Sonnenblume zu den Büschen, die seine Mutter ihm gezeigt hatte. Direkt daneben fand er auch tatsächlich den Komposthaufen, den die Parkgärtner angelegt hatten, damit alte Pflanzenteile dort in Ruhe verrotten konnten. Gemähtes Gras und abgeschnittene Zweige lagen dort bereits hoch aufgeschichtet und auch etliche schon verblühte und halb vertrocknete Blumen. In unterschiedlichsten Farben stachen sie wie bunte Tupfer aus dem Grün heraus.
„Hier befindest du dich ja in bester Gesellschaft, mein Blümchen“, dachte sich Tommy , wuchtete die schwere Sonnenblume ganz nach oben und legte sie dort ab.
„Puh! Das wäre geschafft!“
Eigentlich wollte er ja gleich wieder gehen, doch dann überkam ihn das unwiderstehliche Verlangen, ein wenig in diesem Haufen zu wühlen. Er roch einfach zu verführerisch nach allen möglichen vermodernden und verfaulenden Dingen. Ha, das war eine wahre Wonne, die Nase tief in den weichen Haufen zu stecken und seinen Geheimnissen auf den Grund zu gehen. Er entdeckte mehrere schwarz glänzende Nacktschnecken, die gerade an einigen Blättern fraßen und sich nun zusammenzogen, als er sie mit seiner Schnauze beschnüffelte. Immer wieder stupste er sie an, bis er schließlich von diesem Spaß genug hatte.

Bald schon reichte ihm das oberflächliche Wühlen nicht mehr, und er beschloss, tiefer zu graben und zu scharren, denn viel versprechende Gerüche verhießen unter der Oberfläche noch weit interessantere Dinge. Mit Feuereifer grub er seine Pfoten in die weiche, feuchte Erde unter der oberen lockeren Pflanzenschicht und stieß gleich am Anfang auf einen dicken, fetten Regenwurm. Rosig und feucht glänzend wand er sich zwischen seinen Pfoten und natürlich musste auch er ausgiebig beschnüffelt werden. Tommy war jetzt so richtig in seinem Element, und der feuchte, schwarze Humus flog nur so in hohem Bogen durch die Luft, entsprechend sahen allerdings bald sein Fell am Bauch und seine immer noch nassen Pfoten aus: schwarz und über und über besudelt mit kühlfeuchter, weicher Erde.
Dann verspürte er das Bedürfnis, sich hemmungslos in dem feucht modernden Haufen zu wälzen und sein Fell total einzusuhlen, doch da hörte er eine mahnende Stimme in seinem Hinterkopf und verzichtete auf diesen Spaß. Er hatte die Geduld seiner Mutter heute schon mehr als genug strapaziert, mehr war sicherlich nicht ratsam.

Also steckte er zum Abschluss noch einmal seine Schnauze tief in den dampfenden Haufen, sog den intensiven Geruch tief in seine Lungen und machte sich dann wieder auf den Rückweg. Seine Mutter und Tammy warteten bestimmt schon auf ihn. Doch weit kam er nicht, denn schon bald erregte etwas anderes seine Aufmerksamkeit:

In der Nähe der Büsche, direkt neben einem gekiesten Spazierweg leuchtete ihm eine wunderschöne Blumen in den zartesten Farben entgegen. Das Auffällige daran war, dass sie nicht im Gras oder in Beeten wuchs, wie die anderen Blumen im Park, nein, sie war eingerahmt durch farbige Streifen aus Karton und stand auf einem hölzernen Gestell.
Als er etwas näher heran kam, bemerkte er, dass es sich trotz der täuschend echten Farben gar nicht um eine lebendige Blumen handelte, nein, sie bestand nur aus Farbe auf Papier. Neben ihr auf zwei weiteren Gestellen befanden sich auch noch andere Bilder in den herrlichsten Farben: Landschaften, Häuser, und auch hinreißend komponierte Farbmotive, die nichts Konkretes darstellten. Wie hingehaucht wirkten sie in ihren satten und doch fast durchscheinend wirkenden Pastelltönen, perfekt abgerundet durch die farblich passende Kartonumrahmung. Und als er noch einige Schritte näher gekommen war, entdeckte Tommy hinter den Gestellen auch endlich die Schöpferin der kleinen Kunstwerke:

Eine junge Frau mit kurzen, dunklen Haaren saß im Gras und hielt auf den Knien vor sich mit der linken Hand einen großen Zeichenblock, in der Rechten dagegen ein Stück rote Kreide, das sie geschickt und flink übers Papier gleiten ließ. Ihre kurzen, hellblauen Jeans-Shorts ließen sehr viel von ihren Beinen sehen und ihr farbenfrohes, ärmelloses T-Shirt gab ihre Schultern frei. Direkt neben ihr fläzte sich eine zweite Frau etwa gleichen Alters im Gras. Sie trug ebenso wie die Künstlerin ein ärmelloses T-Shirt, dazu allerdings einen kurzen Rock, und ihre langen und blonden Haare waren zu einem Zopf geflochten, der ihr bis weit über den Rücken reichte, fast bis hinunter zum Hintern. Ihr heller Teint und die Sommersprossen auf ihrer kleinen Stupsnase bildeten einen reizvollen Kontrast zur tief gebräunten Haut der Malerin. Offensichtlich hielt diese sich sehr oft im Freien auf. Und das nicht nur zum Malen, wie ihre sportlich schlanke Figur vermuten ließ.

Die beiden unterhielten sich angeregt miteinander und nun war Tommy endlich auch so nahe heran, dass er verstehen konnte, was sie redeten:

„Also wirklich, Iris“ meinte gerade die Blonde, „Du bist eine echte Meisterin mit dem Pastellstift. Deine Blumen sind derart lebendig, dass man sich einbildet, ihren Duft zu riechen. Und die Farben sind so was von strahlend, kaum zu glauben. Ich finde, du hast eine beneidenswerte Begabung.“
„Danke für die Blumen, Conny. Mein Professor an der Akademie ist ja auch im Grunde ganz zufrieden mit mir. Nur…“
„Was ’nur’…?“
„Naja, er meint halt, ich solle mir mehr zutrauen, auch mal was wagen, nicht nur hausbacken realistisch zeichnen. Experimentieren…“ Sie seufzte.
„Und ich versuch‘ s und versuch‘ s, aber irgendwie klappt es noch nicht so recht. Der letzte Kick fehlt mir anscheinend noch.“
„Also ich finde deine Werke gut, so wie sie sind, aber bitte, er ist der Fachmann.“ Dann zeigte sie auf die ausgestellten Zeichnungen:
„Eigentlich müssten dir die Leute deine Sachen nur so aus den Händen reißen, so hinreißend, wie sie gemalt sind, besonders teuer sind sie ja auch nicht gerade.“
„Schön wär’s. Heute habe ich den ganzen Tag nur ein einziges Bild verkauft, und das auch erst, nachdem der Typ mich auf den halben Preis runtergehandelt hatte.“
„Du bist einfach zu gutmütig, Iris!“ meinte die Blondine resolut. „Ich glaube ich muss mich mal ein wenig um die Vermarktung deiner Sachen kümmern.“
„Danke, Conny, das ist sehr nett von dir. Aber ich glaube, das wird nicht ganz so einfach werden. Schau dich doch nur mal um in der Welt, sieh fern, lies die Zeitungen: Mord, Totschlag, Gewalt, …die Menschen wollen Sensationen und Nervenkitzel, dagegen kann ich mit meinen altbackenen Blümchen und Landschaften nicht anstinken.“
„Ach was, altbacken. Alles nur eine Frage des Marketing.“ Sie stutzte und drehte sich um, da sie ein leises Geräusch hinter sich vernommen hatte: “ Nanu, wen haben wir denn da?“
Tommy hatte sich von hinten ganz leise und unauffällig herangepirscht und saß nun seitlich hinter der Malerin. Fasziniert sah er ihr dabei zu, wie sie mit den Pastellkreiden eine weitere herrliche Blume aufs Papier zauberte.
„Na, da hast du ja zumindest einen neuen Bewunderer deiner Kunst gefunden!“ lachte Conny und auch Iris musste schmunzeln. Sie legte die Kreide, mit der sie gerade gezeichnet hatte, aus der Hand und lockte Tommy zu sich: „Komm doch mal her zu mir, du kleiner Wuschel und lass dich streicheln!“
Hocherfreut sprang Tommy auf sie zu, heftig mit dem Schwanz wedelnd. Sie griff ihm ins Fell und streichelte ihn, dann kraulte sie ihn hinter dem Ohr. „Na, das magst du, was?“
In der Tat. Tommy setzte sich und drängte seinen Körper an ihren, und wenn er eine Katze gewesen wäre, dann hätte er zu schnurren begonnen. Aber Tommy war natürlich keine Katze, deshalb begnügte er sich mit einem wohligen Grunzen. Dann legte er sich auf den Rücken, winkelte die Beine an und gab dadurch unmissverständlich zu verstehen, dass er am Bauch gekrault werden wollte. Iris tat ihm den Gefallen und bemerkte dabei die Spuren seiner emsigen Buddeltätigkeit. „Schau mal, Conny, wie dreckig unser Kleiner ist. All die Erde im Fell und diese schwarzen Schlammpfoten, die sehen ja aus, als hätte er damit einen ganzen Acker umgepflügt. Das ist kein Hund, das muss ein Erdferkel sein.“
Tommy jaulte bei diesem despektierlichen Vergleich kurz auf, doch dann gab er sich sofort wieder den kraulenden Händen hin.
„Allerdings!“ lachte ihre Freundin, „aber hier im Park geht es ja noch. Zuhause in der guten Stube deiner Mutter sähe das schon anders aus!“
„Hör bloß auf, Mama bekäme ja schon alleine bei dem Gedanken, dieser Hund könnte, so verdreckt wie er ist, in ihrer Wohnung herumhüpfen, einen Schreikrampf.“ Beide krümmten sich bei dieser Vorstellung vor Lachen.
Tommy, der inzwischen genug vom Bauchkraulen hatte, beschloss nun, sich die Blume mal genauer anzusehen, die ihn vom Zeichenblock der jungen Frau so verführerisch anlächelte. Vor allem wollte er sie beschnüffeln, um herauszufinden, ob sie auch so gut roch wie eine echte Blume. Doch Iris merkte sofort, was er vorhatte, packte ihn am Genick und zog ihn zurück. „Halt, bleib mir bloß von meiner Zeichnung weg, am Ende ruinierst du sie mir noch mit deiner feuchten Nase.“
Tommy bellte protestierend, denn er liebte es überhaupt nicht, am Genickfell gepackt zu werden. Wütend versuchte er, sich zu befreien. Iris aber, die Angst um ihre Zeichnung hatte, ließ nicht locker, sondern packte ihn noch fester und schüttelte ihn: „Jetzt beruhige dich! Ich tu dir nichts, halt einfach still!“
Tommy aber dachte nicht daran. Immer ungestümer versuchte er, sich dem festen Griff der sportlich durchtrainierten Frau zu entwinden. Ratlos sah Iris ihre Freundin an, und die sprang nun auf, um ihr dabei zu helfen, den verzweifelt Strampelnden zu bändigen. Dabei kam sie versehentlich an eins der Gestelle mit den fertigen Zeichnungen und – bauz pardauz – schon fielen sie alle um wie Dominosteine. Iris sah das und lockerte im ersten Schreck ihren Griff um Tommys Genick. Der konnte sich dadurch endlich loswinden und schoss voller Erleichterung, endlich wieder frei zu sein, wie ein geölter Blitz durch die Gegend, immer hin und her, kreuz und quer. Verhängnisvollerweise übersah er dabei vollkommen die am Boden liegenden Zeichnungen und ehe eine der Frauen auch nur einen Versuch unternehmen konnte, es zu verhindern, hatte er – patsch, patsch, patsch – auf dreien von ihnen seine schwarzen Pfotenabdrücke hinterlassen
Iris sprang auf und fasste sich an den Kopf: „Das darf ja wohl nicht wahr sein! Du Unglückshund! Das war die Arbeit einer ganzen Woche! Alles hinüber! Bleib jetzt bloß von den Bildern weg, sonst sehe ich noch rot!“

Tommy dagegen verstand die ganze Aufregung nicht und schaute die aufgebrachte Frau nur mit großen Augen an. Was hatte sie denn? Eben war sie doch noch so freundlich zu ihm gewesen. Er steuerte auf die Bilder los, um sich anzusehen, was die Frau so in Rage gebracht hatte. Iris aber rastete fast aus als sie das sah, denn sie befürchtete, er könnte noch einmal mit seinen schmutzigen Pfoten über ihre Bilder laufen. Drohend baute sie sich vor ihm auf. „Halt! Stopp! Keinen Schritt weiter!“ Entschlossen packte sie ihn erneut am Kragen und schleifte ihn einige Meter weiter in die Wiese, wo das Gras etwas höher stand. Dort ließ sie ihn wieder los und befahl ihm mit drohend erhobenem Zeigefinger: „So, hier bleibst du jetzt liegen und rührst dich nicht von der Stelle, bis ich es dir erlaube. Keinen Mucks, verstanden?“
Sie hatte irgendetwas in ihrer Stimme, das es Tommy ratsam erscheinen ließ, ihrem Befehl zu gehorchen. Also duckte er sich ins Gras und verhielt sich mucksmäuschenstill, eine gar keine so leichte Übung für ihn.

Iris ging wieder zu Conny zurück, die inzwischen die Staffeleien wieder aufgerichtet und die Bilder erneut ordentlich in Reih und Glied gestellt hatte. Sie war immer noch aufgebracht: „Ich könnte ihn erwürgen, kalt lächelnd abmurksen könnte ich ihn!“
„Immer mit der Ruhe!“ versuchte ihre Freundin sie zu besänftigen. Der arme kleine Kerl, der sich jetzt so verschüchtert ins Gras drückte, tat ihr leid, und ein wenig plagte sie auch das schlechte Gewissen, weil ja sie es gewesen war, die die Staffeleien umgestoßen hatte. „Lass uns den Schaden erst mal begutachten, vielleicht ist ja noch was zu retten.“
„Ach was, retten.“ Iris war wirklich verzweifelt. „Da gibt es nichts mehr zu retten, die sind hinüber, endgültig hinüber.“
„Nicht so voreilig!“ beharrte Conny. „Schauen wir sie uns doch erstmal in aller Ruhe an.“
Sie nahm die drei malträtierten Zeichnungen und hielt sie ins Licht, um sich den Schaden genauer zu betrachten. „Da schau, das eine Bild hier ist wirklich voller schwarzer Hundepfoten, aber auf dem zweiten sind die Abdrücke schon schwächer, und auf dem dritten siehst du nur noch ein paar dunkle Wischer. Trocknen lassen und dann vorsichtig wegkratzen, mit etwas Geduld und Spucke und ein bisschen Glück wird das Bild wieder wie neu.“
„Hm, meinst du wirklich?“ fragte Iris noch etwas zweifelnd und begann sichtlich ein klein wenig Hoffnung zu schöpfen.

„Entschuldigen Sie, meine Damen, dürfte ich Sie mal kurz stören?“
Überrascht drehten sich die beiden um. Vor ihnen stand ein schon etwas älterer Herr mit graumeliertem Bart und auch an den Schläfen schimmerte es schon silbern. Er trug eine weite, helle Leinenhose und ein ebenfalls weites, weißes Hemd mit kurzen Ärmeln, beides von erlesener Qualität. Dieser Mann pflegte seine Kleidung nicht in Billigläden zu kaufen, das war offensichtlich. Interessiert richtete er seinen Blick auf die Bilder mit Tommys frischen Pfotenspuren, die Conny in den Händen hielt.
„Dürfte ich mir diese Bilder mal genauer ansehen?“

„Im Prinzip schon, nur…“, setzte Iris an, da gab Conny ihr unauffällig einen Stoß und sagte zu ihm: „Natürlich. Betrachten Sie die Werke nur in aller Ruhe. Meine Freundin Iris hier hat sie geschaffen.“
Dann fügte sie noch bedeutungsschwer hinzu: „Sie ist eine begnadete Künstlerin.“
Der Mann lächelte wissend: „Das, meine teuersten Damen, habe ich sofort gesehen. Auf den ersten Blick sozusagen. Die Ausstrahlung dieser Werke ist überwältigend.“
Er trat näher heran und begutachtete dann die Zeichnung, die es am schlimmsten erwischt hatte. „Faszinierend. Dieser fast schon schockierende Kontrast! Im Hintergrund hauchzarte Pastelltöne und davor stechen diese unglaublich plastischen, nachtschwarzen Töne ins Auge. Diese Dramatik! Phänomenal! Die unheilschwangere Atmosphäre lässt sich buchstäblich mit Händen greifen.“
Er strich mit den Fingerspitzen ganz vorsichtig über einen von Tommys Tappen: „Der Farbauftrag ist wirklich unglaublich satt, schon alleine vom Volumen her. So richtig pastos und körperhaft. Arbeiten Sie vielleicht mit Modellierpaste?“
Die Frage war an Iris gerichtet, doch es war Conny, die antwortete: „Nein, das ist reinste Gartenerde – zwar in einem speziellen Verfahren aufbereitet, aber im Grunde handelt es sich um völlig naturbelassene Erdpigmente. Meine Freundin liebt nämlich das Unverfälschte, das Echte. Stimmt doch, Iris, oder?“
„In der Tat.“ bestätigte diese. „Echt und unverfälscht muss es sein, was anderes kommt mir gar nichts aufs Papier oder auf die Leinwand.“ Sie schaffte es sogar, völlig ernst dabei zu bleiben.
Wieder wandte sich Conny an den gebannt lauschenden Mann: „Und jetzt fühlen Sie nochmal, spüren Sie, dass die Erde noch ganz feucht ist? Irgendwann wird sie trocknen und dann beginnen abzubröckeln. Aber…“ und dabei zwinkerte sie heimlich Iris zu, „…das muss so sein.“
„Genial!“ rief der Mann aus. „Eindringlicher und anschaulicher lässt sich die Vergänglichkeit alles Irdischen nicht darstellen. Aus Staub seid ihr entstanden und zu Staub werdet ihr zurückkehren. Ein wahrhaft elementarer Ansatz! Und dann habe ich noch eine Frage: Was sollen diese dunklen Muster eigentlich symbolisieren? Ich denke da unwillkürlich an stilisierte Bärentatzen…“
„Da liegen Sie auch völlig richtig, mein Herr.“ bestätigte diesmal Iris, „Wie haben Sie das auf Anhieb nur so schnell erkannt?“
Er lächelte unübersehbar selbstgefällig: „Nun ja, als Kunstliebhaber braucht man natürlich ein gewisses Gespür, und im Laufe der Zeit entwickelt man fast zwangsläufig einen Blick für solche Dinge. Und bei Bärentatzen kommen mir fast automatisch die Kultur der Indianer und ihre Totems in den Sinn. Das Totem des Bären soll ja eines der stärksten sein: machtvoll, impulsiv, schützend, aber auch bedrohlich…“
„Machtvoll und bedrohlich, ganz genau.“ bestätigte Conny, „Damit treffen Sie abermals den Nagel auf den Kopf. Allerdings sollten Sie vielleicht noch wissen, dass Iris sich nur am Rande mit Kunsttheorie und religiösen Einflüssen auf die Kunst beschäftigt, im Grunde malt sie vor allem spontan und direkt, impulsiv…falls Sie verstehen, was ich meine.“
„Genauso ist es!“ unterstrich Iris die Worte ihrer Freundin. „Wissen Sie, wenn ich schöpferisch tätig bin, dann arbeite ich nicht mit dem Verstand, das kommt mehr so aus dem Bauch raus…“
Sie schielte unauffällig in Richtung Tommy. „Da spielt dann mitunter sogar eine geradezu animalische Komponente rein und das Tier in mir bricht durch.“
„Genauso muss es sein!“ rief der Mann begeistert aus. „Genauso und nicht anders! Diese ganze verquaste Theorie ist doch längst überholt, wir brauchen wieder Maler, die ihre Kreativität einfach rauslassen, ungehemmt und spontan! Farbe, Leinwand, ein paar Pinsel, und los geht’s!“
„Sehr gut erkannt!“ bestätigte Conny abermals. „Allerdings bedeutet impulsives Arbeiten bei Iris keineswegs, dass sie einfach nur so drauflos pinselt und sich nichts dabei denkt. Betrachten Sie nur mal diese drei Bilder im Zusammenhang. Erkennen Sie die Entwicklung, die sich darin abspielt?“
„Hm. Tja…“ überlegte der Angesprochene. „Sie wollen damit also andeuten, dass die drei Bilder zusammengehören? Aber ja, ja doch, jetzt sehe ich es auch: Im ersten Bild dominiert das Bedrohliche, symbolisiert durch die Bärentatzen, noch sehr stark, im zweiten hellt sich das Geschehen schon auf und im dritten sind die schwarzen Schatten schließlich schon fast verschwunden. Ein ganzer Zyklus also, ein Triptychon, wer hätte das gedacht? Haben Sie schon einen Titel dafür?“
„Welchen Titel könnten denn Sie sich vorstellen?“ fragte Conny prompt zurück. „Ich meine, Iris malt ihre Werke ja schließlich für das Publikum und will die Phantasie des Betrachters nicht einengen oder gar in einen Käfig zwingen.“
„Welchen Titel…Hm…“ brummte der Kunstliebhaber. „Also für mich ist der Fall eigentlich klar: Das erste Bild, in dem das Bedrohliche überwiegt, würde ich ‚Die Tatzen des Todes‘ nennen, das zweite ‚Das Dunkel weicht‘ und zu guter Letzt das dritte: ‚Sieg der Hoffnung‘. Und als Name für den ganzen Zyklus könnte ich mir vorstellen: ‚Durch Nacht zum Licht'“
„Perfekt!“ lobte ihn Iris und Conny applaudierte dazu anerkennend. „Dem ist nichts mehr hinzuzufügen. Ich wünschte mir, alle Menschen könnten meine Werke so gut verstehen wie Sie.“
„Aber ich bitte Sie“, wiegelte er geschmeichelt ab. „Wenn jemand nicht in der Lage ist, Werke mit einer derartigen Ausdruckskraft, so voller Prägnanz und Intensität, zu verstehen, dann muss er wirklich ein roher, gefühlloser Klotz sein. Und dumm und ungebildet obendrein.
Wissen Sie was, die Bilder gefallen mir immer besser, ich liebe Werke, die Hand und Fuß haben! Und überhaupt, ich bin ja ein absoluter Fan von mehrteiligen Zyklen. Und wenn sie dann noch von so charmanter Hand geschaffen wurden…“
„Sie scheinen mir ja ein schlimmer Schmeichler zu sein“ tadelte Iris ihn schelmisch mit erhobenem Zeigefinger.
„Nein, nein, ich meine es wirklich ernst. Und ich bin mehr als froh, so rein zufällig auf eine so große Künstlerin gestoßen zu sein. Aber – um es kurz zu machen: Was wollen Sie denn für den Zyklus haben? Reichen 1500 Euro?“
Iris schluckte. „1500 Euro? Ist das Ihr Ernst?“ fragte sie ungläubig.
„Gut, das ist etwas wenig, wie wäre es mit 2000?“
„Tja, also…“
„2500“
„Nun…“
„Also gut. 3000, aber das ist mein letztes Wort. Mehr habe ich auch gar nicht bei mir. 3000 bar auf die Kralle… „, er hielt inne und korrigierte sich dann lächelnd: „Ich meine natürlich: 3000 bar auf dieses zarte, begabte Händchen der größten Künstlerin, die ich bisher die Ehre hatte zu treffen.“
Er holte die Geldbörse aus der Hosentasche, zählte die Summe ab und streckte Iris die Scheine auffordernd entgegen.
„Hier bitte. Sagen Sie ja und ich nehme die Bilder gleich so mit, bevor Sie es sich anders überlegen.“
Iris tat, als würde sie noch etwas zögern. „Eigentlich waren die Werke ja für meine nächste Ausstellung bestimmt, aber ich denke, ich kann sie Ihnen guten Gewissens überlassen, bei Ihnen sind sie sicherlich in den besten Händen.“
„Das sind sie, das sind sie ganz bestimmt! Sie werden einen ganz speziellen Platz in meiner Sammlung bekommen! Hier, nehmen Sie endlich!“
Er drängte ihr das Geld förmlich auf und nahm dann die Bilder an sich, die Conny ihm in eine Tragemappe aus Plastik gepackt hatte.
„Zur Sicherheit“ meinte sie mit fürsorglichem Lächeln, „wir wollen doch nicht, dass ihren teuren Stücken noch etwas passiert, bevor Sie daheim sind. Wie schnell lässt so ein kleines Vögelchen etwas fallen, oder dergleichen…“ Wobei diesmal sie unauffällig zu Tommy hinüberschielte, der immer noch mucksmäuschenstill und bewegungslos im Gras lag.
„Das wäre in der Tat tragisch.“ meinte der Kunstfreund. „Ich weiß nicht, ob ich das überleben könnte, so sehr wie mir die Bilder schon jetzt ans Herz gewachsen sind. Bei mir zuhause bekommen sie jedenfalls einen Ehrenplatz. Ach ja, und ehe ich es vergesse…“
Er griff in die Brusttasche seines Hemdes und zog eine kleine Karte hervor, die er Iris reichte. „Hier haben sie meine Visitenkarte. Sobald Sie wieder ein neues Werk in dieser Stilrichtung geschaffen haben, müssen Sie sich unbedingt bei mir melden, vielleicht passt es ja auch in meine Sammlung.“
„Mache ich ganz bestimmt“ versicherte sie ihm. Dann fügte er noch hinzu:
„Und wenn Sie Lust haben, dann kommen sie doch mal auf einen Kaffee bei mir vorbei, ich würde mich gerne mal etwas eingehender mit Ihnen über Ihren weiteren künstlerischen Werdegang unterhalten. Ich habe nämlich sehr einflussreiche Freunde in der Kunstszene. Beziehungen kann man gerade als Künstler nie genug haben.“
„Da haben Sie sicherlich Recht“, stimmte Iris zu. „Aber ich bin momentan sehr beschäftigt, und einen eifersüchtigen Freund habe ich auch, mal sehen, vielleicht klappt es ja doch mal.“
„Das würde mich wirklich freuen. Also dann, hoffentlich bis bald.“
Er winkte den beiden zum Abschied freundlich zu und machte sich dann mit seiner Neuerwerbung unter dem Arm auf den Heimweg – mit einem seeligen Lächeln auf den Lippen…

Kaum dass er außer Sichtweite war, fielen sich die beiden Frauen jubelnd um den Hals. „Hurra!“ freute sich Iris, „Das Geld kommt wie gerufen! Ich muss für eine Weile nicht mehr von der Hand in den Mund leben und kann mir vernünftiges Material leisten. Das hast du gut gemacht, Conny!“
„Ich?“ fragte diese zurück. „Du hast doch die Bilder gemalt. Ich meine…“ Sie schmunzelte, „Du und der kleine Hund. Wo steckt er denn?“
„Da, er liegt noch im Gras, wie ich es ihm befohlen habe. Na, komm her, du kleiner Künstler mit den großen Bärentatzen, jetzt bist du an der Reihe!“
Tommy spitzte die Ohren, als er das hörte und sprang auf. Hocherfreut und erleichtert wedelte er wie wild mit dem Schwanz. Endlich durfte er sich wieder bewegen, was für eine Erlösung nach all dem Stillhalten! Iris ging vor ihm in die Knie und schlang fest ihre Arme um ihn. Fast schien sie ihn erdrücken zu wollen.
„Pass auf, Iris!“ versuchte Conny sie zu bremsen. „Er ist bestimmt immer noch dreckig, und du hast dann womöglich seine Pfotenabdrücke auch noch auf deinen Shorts und dem T-Shirt.“
„Na und?“ kam es lachend zurück. „Dann ziehe ich sie eben aus und verkaufe sie genau wie die Bilder teuer als Kunstwerke. Da findet sich bestimmt auch ein Liebhaber, dem sie gefallen.“
„Die beste Gelegenheit dazu hast du ja gerade verpasst“ meinte Conny grinsend. „Der Typ eben hätte sie bestimmt für teures Geld mitgenommen und dich gleich dazu.“
„Ach was, du übertreibst, Conny!“ wehrte Iris ab.
„Nein, tu ich nicht. Sag bloß, du hast nicht gesehen, wie sabbernd der alte Lüstling dich angesehen hat? Ich hatte einige Male den Eindruck, dass er sich jetzt gleich auf dich stürzt und dir in die Schulter beißt. Oder sonst wo hin!“
„Conny, du spinnst!“
„Ja hast du denn seine gierigen Blicke wirklich nicht gesehen.“
„Doch, das schon, aber ich dachte, die gelten meinen Bildern.“
„Klar, denen auch, und das war wohl auch der Hauptgrund, warum du ungeschoren davongekommen bist.“
„Haha, Conny, du hast echt eine Meise!“ lachte Iris unbeeindruckt.
„Lach nur. Aber eins kannst du mir glauben: Diese älteren Herren mit den grauen Schläfen, die so seriös und distinguiert aussehen, das sind die Allerschlimmsten, das kann ich dir sagen.“
„Ach, hast du da schon persönliche Erfahrungen gesammelt?“
„Ich? Wie kommst du denn darauf? Wofür hältst du mich denn? Nein, aber man liest ja schließlich Zeitung und sieht fern, da erfährt man so allerhand…“
„Zum Beispiel, dass diese scheinbar so seriösen Herren getarnte Kannibalen sind, die es darauf abgesehen haben, arglosen Mädchen in die Schulter zu beißen? Hihihi! Oder sonst wo hin. Hähähä!“
„Iris, sei doch nicht so albern, du bist wirklich unmöglich. Aber bitte, nimm die Sache nur auf die leichte Schulter. Aber wenn du dann zu dem Kerl gehst und er beim Kaffee über dich herfällt, dann sag bitte nicht, ich hätte dich nicht gewarnt.“
„Daraus wird doch sowieso nichts, Joe wird das nie erlauben. Außerdem weiß ich gar nicht, was du hast, ich fand den alten Knaben ganz nett.“
„Ich im Grunde ja auch, aber ich bin sicher, dass bei seinen Gedanken auch einige ganz und gar nicht jugendfreie dabei waren.“
„Na und? Solange er sie nur denkt und ansonsten seine Finger bei sich behält, soll mir das egal sein, Hauptsache, er zahlt gut.“
Ihrer Freundin blieb glatt die Spucke weg, als sie das hörte.
„Iris, ich fass es nicht, aus dir wird ja doch noch eine gerissene Geschäftsfrau!“
„Ist doch kein Wunder, ich hatte eine gute Lehrerin“ antwortete Iris und grinste. „Und jetzt komm, lass uns zu Joe in die Kneipe gehen und das Ereignis feiern. Eigentlich sollte ich dir ja einen Anteil abgeben, ohne dich wäre aus dem Geschäft bestimmt nichts geworden.“
„Ach was“, winkte Conny ab, „spendier mir einen Eisbecher, das reicht. Ich habe eh immer noch ein schlechtes Gewissen, weil ich deine Bilder umgeworfen habe. Und ihm…“ sie deutete auf Tommy, „solltest du unbedingt eine große dicke Wurst spendieren, schließlich ist ja er der wahre Held der ganzen Geschichte.“
„Da hast du allerdings Recht.“
Iris wandte sich an Tommy, dem sie während des ganzen Gesprächs das Fell gekrault hatte. „Na, hast Du gehört, mein Kleiner? Hast du Lust mitzukommen? Du bekommst auch eine ganz große, saftige Wurst. Oder ein großes Stück Braten. Was dir lieber ist.“

Tommy hätte liebend gern ja gesagt, doch genau in diesem Moment hörte er das Bellen seiner Mutter, die nach ihm rief. Aufgeregt sprang er auf und bellte ganz laut „Ich komm ja gleich!“ und dann lief er auch schon los. Nach einigen Sätzen hielt er inne und drehte sich noch einmal um. Die beiden Frauen hatten Sentas Gebell auch gehört und winkten ihm zum Abschied zu. „Lauf zu deiner Mutter, Kleiner!“ rief Iris ihm nach. „Vielleicht besuchst du mich ja ein andermal und hilfst mir wieder beim Malen, ich bin sehr oft hier im Park. Und vielen Dank nochmal, du hast mir wirklich Glück gebracht.“
„Ich besuch euch bestimmt mal wieder!“ kläffte Tommy noch, dann lief er endgültig zurück zu seiner Mutter und Tammy, dass seine Schlappohren nur so flogen.

„Ja sag mal, wo hast du denn so lange gesteckt!“ empfing ihn seine Mutter mit deutlichem Vorwurf in der Stimme. „Und dann, schau dich doch mal an: das ganze Fell voll Erde. Und diese schmutzigen Pfoten… Was um alles in der Welt hast du denn getrieben? Du solltest doch nur die Sonnenblume wegbringen.“
„Hab ich doch gemacht!“ verteidigte sich Tommy. „Aber dann habe ich eine Künstlerin und ihre Freundin getroffen, und der habe ich dann beim Malen ihrer Bilder geholfen.“
„‚Beim Malen ihrer Bilder geholfen’…soso, mein Sohn.“ kam es triefend vor Spott von seiner Mutter. „Da warst du natürlich in der Tat beschäftigt. Sind die Bilder denn wenigstens was geworden?“
„Klar! Da kam dann ein Mann mit grauen Haaren und hat sie alle gekauft, und die beiden Frauen wollten mich dann mitnehmen und mir eine Wurst spendieren…“
„‚Eine Wurst spendieren…'“, Senta ließ sich die Worte förmlich auf der Zunge zergehen. „Aber klar, wenn man gute Arbeit geleistet hat, dann gibt es natürlich guten Lohn.“
Tammy drängte sich an Sentas Seite und flüsterte ihr zu: „Mein armer Bruder hat bestimmt zuviel Sonne erwischt. Er redet doch eindeutig wirr.“
Erbost kläffte Tommy: „Ihr glaubt mir wohl nicht? Aber es stimmt wirklich! Ich habe…“
Doch gnadenlos würgte Senta ihn mitten in seiner Beteuerung ab: „Jetzt hör mir mal zu, mein lieber Tommaso. Wenn Du in Zukunft wieder einmal durch etwas abgelenkt wirst und deshalb vergisst, was du deiner Mutter versprochen hast, dann sei bitte wenigstens so ehrlich und gib es zu, anstatt dir solche abenteuerlichen Lügenmärchen aus den Pfoten zu saugen. Bestrafen will ich dich dafür nicht, denn auch diese Unart hast du eindeutig von deinem Vater, der lässt sich auch immer die absurdesten Ausreden einfallen, wenn er etwas nicht einhalten kann oder will.“
„Aber Mama!“ heulte Tommy verzweifelt auf. „Es stimmt wirklich!“
„Ruhe jetzt! Augenblicklich!“ bügelte ihn seine Mutter nieder. „Mir reicht das jetzt mit euch beiden. Ich habe die Schnauze endgültig voll von euren Eskapaden. Wir gehen jetzt sofort auf der Stelle nach Hause, und dieser Besuch heute im Park wird für lange, lange Zeit der letzte gewesen sein, das kann ich euch versprechen. Los jetzt! Wir brechen auf. Und kein Wort mehr, sonst werde ich wirklich sauer!“
Damit drehte sie sich um und stapfte entschlossen und ohne Zögern in Richtung Heimat. Tammy und Tommy kannten beide ihre Mutter gut genug um zu wissen, dass jedes weitere Wort sinnlos war, also warfen sie sich nur einen resignierenden Blick zu und trottenden dann mit hängenden Köpfen hinter ihr her.

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