Die weiße Taube

Brütende Hitze lastete auf dem Schloss und so hatte sich Pallina in ihrem Garten in den Schatten eines Holunderstrauches gesetzt. Wehmütig dachte sie an ihren Wasserfall zurück, an die eleganten Schwäne und die quirligen Enten, die schnellen Mauersegler und den stolzen Adler. Ihre Augen suchten die Weite des blauen Himmels ab. Seit der Vertreibung der Vögel damals, erschien er ihr leer und trostlos. Doch, was war das? Hoch am Himmel, weit entfernt glaubte sie eine Silhouette zu erkennen. Nein, sie täuschte sich nicht, ein Vogel flog in Richtung der Stadt. Rasch näherte er sich und verlor an Höhe. Jetzt glaubte sie eine Taube erkennen zu können. Sie schien einen Gegenstand in ihrem Schnabel zu tragen, eine Papierrolle oder etwas Ähnliches. Aufgeregt sprang Pallina auf, die Scharfschützen waren ihr eingefallen, jeden Moment konnten sie das Feuer eröffnen. “Ich muss die Taube warnen“ dachte sie und rief laut: “Vorsicht, Gefahr!“ Dabei gestikulierte sie wild mit den Armen.

Doch es war schon zu spät. Eben als der Vogel die Mauer überquerte, wurde er von einem dichten Pfeilhagel völlig eingedeckt. Offenbar hatten die Geschosse ihr Ziel nicht verfehlt, denn der weiße Vogel geriet ins Trudeln und stürzte heftig flatternd ab, mitten in Pallinas Garten. Diese eilte zu ihm, so schnell sie konnte. Ein grausiger Anblick bot sich ihr. Die weiße Taube blutete aus mehreren Wunden und lag zuckend am Boden. Wenn sie wirklich etwas im Schnabel gehabt hatte, so war es verloren gegangen.

Was sollte sie nur tun? “Ich will ihn zu den Ärzten meines Vaters tragen, vielleicht können sie ihm helfen.“ Vorsichtig nahm sie den blutenden Vogel auf ihre Arme. Er tat ihr furchtbar leid, sie drückte ihn an ihr Gesicht, über das heiße Tränen strömten. Da aber geschah etwas Seltsames. Als sie das verletzte Tier an sich presste, geriet ein Tropfen seines Blutes auf ihre Lippen. Unwillentlich schleckte sie ihn mit der Zunge auf und wurde im selben Moment von einem eigentümlichen Gefühl erfasst. Ihr war, als hörte sie die Welt mit anderen Ohren, so als sei sie vorher taub gewesen.
“Bitte hilf mir!“ piepste es ganz nah. “Wer spricht da?“ Pallina drehte sich überrascht um. “Na ich, wer sonst? Hier auf deinem Arm.“ Es war kein Zweifel möglich, der Vogel hatte zu ihr gesprochen. “Du kannst sprechen?“
“Natürlich kann ich sprechen. Das ist nichts Besonderes. Dass du mich verstehen kannst, d a s ist das Verwunderliche. Du hast anscheinend von meinem Blut gekostet, das würde manches erklären. Könntest du mir jetzt bitte helfen, ich fühle mich ziemlich schwach.“
„Was kann ich für dich tun? Gerade wollte ich dich zu unseren Heilkundigen bringen.“
“Dio mio! Dreh mir lieber gleich den Kragen um, so ersparst du mir den Kummer und dir den Weg. Diese Stümper würden mich doch höchstens zur Ader lassen und Blut habe ich wahrlich schon genug verloren. Nein, pass auf! Grabe nahe dem Weiher ein Loch in die Erde und lege mir den feuchten Lehm daraus auf meine Wunden!“

Pallina tat, was er ihr aufgetragen hatte. Vorsichtig verstrich sie den lehmigen Brei auf seinen Verletzungen. “Ah, das tut gut, das ist genau das Richtige für den armen Colombino.“
“Wer ist Colombino?“
“Na, ich natürlich. Dumme Frage, Pallina.“
“Woher weißt du meinen Namen?“
“Ich habe da so meine Quellen. Der Herr der Gezeiten hat mich für meine Mission wohl präpariert.“
“Herr der Gezeiten? Mission?“
“Pass auf, Pallina, du setzt dich in den Schatten dieses Strauches, nimmst mich auf deinen Schoß und dann erzähle ich dir alles von Anfang“ Die Prinzessin stimmte zu, tat wie er gesagt und schon begann Colombino seine Erzählung:
„Wisse, mein Kind: Vor langer, langer Zeit gab es bereits einmal ein Menschengeschlecht. Glück und Zufriedenheit herrschten auf der Erde bis Satan den Menschen das Gold brachte. Es verhärtete ihre Herzen, das Glück und die Zufriedenheit verschwanden, die Menschen wurden habgierig und wollten immer mehr, immer mehr von allem und vor allem immer mehr Gold. Je mehr sie wollten, um so mehr hassten und beneideten sie einander. Sie begannen um das Gold zu kämpfen und sich aus Habgier zu töten. Schließlich hatten sie sich gänzlich ausgerottet und nur das Gold war übrig geblieben. Da beschloss der Herrscher der Welt, der Herr der Gezeiten, eine neue Menschengeneration auf den Plan zu rufen, das Gold vor ihnen aber in den Felsen zu verstecken. Umsonst. Er hatte nicht mit der Findigkeit der Menschen gerechnet. Sie stöberten es auf und gierten danach wie ihre Vorgänger. Kein Preis ist ihnen zu hoch, es in ihren Besitz zu bringen: sie zerstören, sie rauben, sie töten.“

Pallina dachte an ihren Wasserfall und die Vögel. Sie nickte traurig. Colombino fuhr fort: “Solange die Menschen nur sich selbst ausrotten, wäre das für den Herrn der Gezeiten kein Grund einzugreifen. Dein Vater aber bringt die ganze Welt in Gefahr. Er will einen Stollen so tief in die Erde hinabtreiben, bis er auf Gold stößt.“
“Mein Vater? Was will er mit noch mehr Gold? Sein ganzer Palast besteht daraus.“
“Mein Kind, immer mehr, das ist das Gesetz des Goldes. Es gibt kein genug. Höre, mein Kind, dein Vater wird dort unten kein Gold finden. Tief im Innern der Erde walten ungezügelte Kräfte, Kräfte die hartes Gestein zum Schmelzen bringen. Es wäre tödlich, an sie zu rühren. Sollten sie sich durch den Stollen deines Vaters einen Weg nach oben bahnen können, wird alles Leben auf der Erde ausgelöscht werden. Mein Herr hat mich geschickt, die Menschen vor den Folgen ihres Tuns zu warnen. Das Ergebnis meiner Mission konntest du ja mitverfolgen. Wenn ich nicht bald zurückkehre, ist diese Stadt mit allen ihren Einwohnern dem Tode geweiht.“

Er versuchte seine Flügel zu bewegen. “Es geht nicht. Ich fühle mich zwar schon viel besser, doch an Fliegen ist nicht zu denken. Pallina stand auf: “Colombino, ich werde dich zu deinem Herrn bringen. Ich muss es tun. Ich bin nicht ganz unschuldig an dem ganzen Schlamassel, aber ich werde es wieder gutmachen. Ich weiß, ich schaffe es.“ Colombino lachte: “Gut gesprochen, mein Kind, ganz so leicht wird es allerdings nicht werden. Der Herr der Gezeiten wohnt auf einer steilen Felseninsel inmitten des Meeres. Weit, weit von hier entfernt.“
“Wir schaffen es trotzdem.“ Pallinas Stimme Klang fest und überzeugt. “Du darfst nämlich eines nicht vergessen, ich bin zwar klein, aber oho!“
Kapitel 1: Die kleine Pallina
Kapitel 3: Aufbruch mit Hindernissen

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