Die Rückkehr

Sollte sie nun lachen oder weinen? Natürlich freute sie sich, wieder zu Hause zu sein, wie aber sollte sie den Wartenden erklären, dass sie nichts erreicht hatte? Eine Weile blieb sie unschlüssig stehen, doch dann suchte sie die Mauer nach der Öffnung ab und fand sie auf Anhieb. Beherzt umklammerte sie das Kraut und zwängte sich nach drinnen. Die Eingeschlossenen bereiteten ihr einen jubelnden Empfang. Avidoro eilte auf sie zu und fragte: “Nun, meine Tochter, wie ist es dir ergangen? Was hast du erreicht? Was hast du uns gebracht?“ Verlegen streckte Pallina die Hand aus und präsentierte ihm die Pflanze. Ihr Vater sah sie ungläubig an, so als sähe er ein Gespenst vor sich. Zunächst stand er wie vom Donner gerührt, doch dann brach es aus ihm heraus: “Das darf doch wohl nicht wahr sein! Da ist eine ganze Stadt am Verhungern und was schleppst du uns an? Grünzeug!“ Er spuckte das Wort förmlich aus. Wütend riss er ihr das Kraut aus der Hand, warf es zu Boden und trampelte darauf herum. “Grande miseria! Grande miseria! Die letzte Hoffnung ist dahin.“ Mit hängenden Schultern trottete er davon. Auch die übrigen Bewohner wandten sich enttäuscht ab.

Pallina hatte den Ausbruch ihres Vaters weinend über sich ergehen lassen. Sie fühlte sich ungerecht behandelt, schließlich hatte sie alles versucht, was in ihrer Macht stand. Traurig hob sie das zerfledderte und zerrissene Kräutlein auf. Sie dachte an die Worte des Gärtners und steckte ein Blatt in ihren Mund. Zunächst schmeckte es bitter, wie vorhergesagt, doch da sie ja vorgewarnt war, behielt sie es im Mund und konnte bald verwundert spüren, wie sich der Geschmack veränderte: Lieblich und süß zerging es auf der Zunge. Sie erinnerte sich unwillkürlich an den Augenblick, als sie Colombinos Blut auf den Lippen gespürt hatte. Auch jetzt veränderten sich ihre Sinnesempfindungen. Sie meinte tausend zusätzliche Augen und Ohren zu haben. Sie fühlte sich eins mit der Natur, trotz der sie umgebenden Stadtmauern hörte sie das Rauschen der Wellen und das Wispern des Windes, sie lauschte dem Gesang der Vögel und dem Zirpen der Zikaden. Bäume breiteten ihr Geäst über sie und deutlich spürte sie, wie das Gras zu ihren Füßen lebte, wie es wuchs und atmete. Immer noch hielt sie das Kraut in ihrer Hand. “Auch du sollst leben“ flüsterte sie ihm zu. Dicht neben der Mauer grub sie ein Loch und setzte es vorsichtig und sorgsam in die Erde. Eine bleierne Müdigkeit begann sie einzuhüllen. Erschöpft ließ sie sich ins Gras gleiten und sank sofort in einen tiefen, festen Schlummer.

Erfrischt erwachte sie am nächsten Morgen, doch als sie die Augen auftat, da glaubte sie noch immer zu träumen: Neben ihr, an der Stelle, an der sie das Kraut eingepflanzt hatte, ragte ein Riesengewächs in den Himmel, über und über bedeckt mit roten Blüten. Sie erhob sich und begann, an der Ranke empor zu klettern. Schnell gewann sie an Höhe. Inzwischen waren die Stadtbewohner auf sie aufmerksam geworden und deuteten mit den Fingern zu ihr hinauf. Pallina winkte ihnen zu: “Folgt mir, ich habe den Ausweg gefunden!“ Von neuer Hoffnung erfüllt taten es die Gefangenen Pallina nach und stiegen an der Riesenpflanze höher und immer höher.
Schon glaubten sie die Hürde überwunden zu haben, da erdröhnte unter ihnen ein ohrenbetäubendes Krachen. Erschreckt sahen sie nach unten und sahen sich im gleichen Moment von einem glühenden, zähfließenden Lavastrom bedroht. Gelb und heiß sprudelte er aus dem tiefen Stollen Avidoros und überschwemmte mit seiner tödlichen Gluteshitze die gesamte Stadt. Näher und näher floss der Verderben bringende Strom auf Pallinas Pflanze zu. Die Kraft der Verzweiflung erfasste die Flüchtenden und schneller und schneller klommen sie empor. Die unbarmherzige Hitze versengte den Stamm der Pflanze, sie begann zu brennen und zu schwanken. Von Entsetzen gepackt musste Pallina mit ansehen, wie die Fliehenden den Halt verloren und schreiend in die Tiefe stürzten. Schließlich konnte auch sie sich nicht mehr halten und fiel und fiel und fiel.

Pallina erwachte und sah sich unsicher um: “Wo bin ich?“

Sie lag in einer Höhle, draußen rauschte das Wasser. Von den Wänden glänzte es metallisch, sie begann sich zu erinnern: Sie hatte unter dem Wasserfall gestanden und war ausgerutscht. Sie musste in diese verborgene Höhle gefallen sein. Und dann? Ein Traum? Sie stand auf. Zu ihren Füßen lag ein Stein. Sie hob ihn auf. Er glänzte in derselben Farbe wie die Krone ihres Vaters. Lange betrachtete sie ihn. Sie ging nach draußen und ließ ihn in der Sonne aufleuchten. Dabei merkte sie, wie weit der Lauf der Sonne schon fortgeschritten war. Wie konnte die Zeit nur so schnell vergangen sein? Sie musste ja Stunden ohnmächtig gewesen sein. Es war höchste Zeit, nach Hause zu gehen.

Als sie sich umdrehte fiel ihr Blick auf ein kleines, unscheinbares Kraut zu ihren Füßen. Noch nie vorher war es ihr aufgefallen, doch als sie es eingehender betrachtete, schien es ihr, als streife sie der Schatten einer Erinnerung, ohne dass sie genau hätte benennen können, was es damit auf sich hatte. Schließlich bückte sie sich und zupfte ein Blatt ab. Vorsichtig steckte sie es in ihren Mund: “Hm, ein wenig bitter, aber nicht schlecht.“

Über ihr kreiste ein Adler, die Schwäne auf dem See zogen ruhig ihre Bahn… und die quirligen Enten schnatterten alle durcheinander. Ohne lange zu überlegen holte sie aus und warf den Stein mit einem weiten Schwung in den See. Sogleich fühlte sie sich, als sei eine Riesenlast von ihren Schultern gefallen. Tief und fest atmend stand sie am Ufer. Sie sah die letzten Strahlen der Sonne in ihrem Wasserfall aufblitzen und ein unbeschreibliches Glücksgefühl durchströmte sie.

Endlich riss sie sich los und lief so schnell sie konnte zurück ins Schloss. Ihr Vater sah sie kommen und sperrte die Augen weit auf. Dann warf er die Arme empor und rief: “Grande miracolo! Grande miracolo! Meine Tochter, du bist gewachsen!“

Sie sah an sich hinunter. Er hatte Recht. Sie war größer geworden. Fassungslos starrte er sie an: “Carolina, wie kommt das so plötzlich?“
Sie lächelte: “Das könnte ich dir schon sagen, mein lieber Papa, nur…“
“Nur?“
“Du würdest es nicht verstehen, denn…“
“Denn?“
“Du bist dafür ganz einfach schon zu groß.“

ENDE

Kapitel 6: Auf der Felseninsel
Erzählungen

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