Die Reise beginnt

So, die Mauer haben wir jetzt überwunden, wie geht es nun weiter?“ fragte Pallina. Colombino überlegte nicht lange: “Zunächst müssen wir ans Meer gelangen. Also marschieren wir vorerst nach Süden.“
“Wir marschieren? Du meinst, ich marschiere und du lässt dich tragen?“
“Es dürfte dir nicht entgangen sein, dass ich immer noch leidend bin.“ gab Colombino gekränkt zurück. “Aber du kannst mich natürlich auch hier zurücklassen und dann allein versuchen, zum Herrn der Gezeiten zu kommen.“
“Sei doch nicht gleich beleidigt! Ich habe doch nur Spaß gemacht. Ich weiß genau, ohne dich wäre ich aufgeschmissen.“
“Es freut mich, dass du die Sachlage ebenso beurteilst wie ich. Lass uns jetzt endlich aufbrechen. Die Zeit drängt und der Weg ist weit.“
“Du hast Recht.“ gab Pallina zu.
“Natürlich habe ich Recht. Los geht’s! Und links, zwo, drei, vier, links, zwo, drei, vier, links, zwo, drei, vier… links…, links…“

Munter marschierte Pallina drauflos. Auch mit kleinen Schritten kommt man weit, und schon bald war ihre Heimatstadt außer Sicht. Noch nie in ihrem Leben hatte sie sich so weit von zu Hause entfernt. Ein unsicheres Gefühl beschlich sie. Und jetzt tauchte auch noch ein großer, finsterer Wald auf. “Müssen wir ihn durchqueren?“ fragte sie ihren Begleiter. “Ich glaube, ich habe ein klein wenig Angst.“
“Warum denn? Ich bin doch bei dir! Nur zu, was soll schon passieren?“

Tapfer spazierte Pallina mitten in den dunklen Wald hinein. “Wovor habe ich mich eigentlich gefürchtet?“ fragte sie sich. “Hier ist es ja gar nicht unheimlich.“ Sie staunte über die riesigen Bäume mit ihrem dichten Laubwerk, sie erfreute sich am Gesang der Vögel und sie spürte wie eine tiefe, innere Ruhe über sie kam. “Lass uns eine Pause machen.“ schlug sie vor. “Komm wir setzen uns dort unter die mächtige Eiche und stärken uns ein wenig.“
“Genehmigt.“ Auch Colombino hatte nichts gegen eine kleine Rast einzuwenden. Sie setzte sich und nahm ihren Proviantbeutel zur Hand. “Was darf ich dir anbieten? Eine erfrischende Orange oder eine süße Feige?“
“Lieber eine Feige, die hat die besseren Kerne.“ In diesem Moment entdeckte Pallina etwas Sonderbares: “Schau mal, Colombino, dort hinten steht ein Holzgestell mit einem großen Glas. und darin, das müsste, ja, das ist Honig, ich kann ihn sogar riechen.“ Sie sprang auf und eilte auf das Honigglas zu. Colombino wollte sie noch warnen: “Halt, warte! Die Sache kommt mir verdächtig vor.“

Doch es war schon zu spät. Pallina hatte die süße Versuchung schon fast erreicht, da gab jäh der Boden unter ihren Füßen nach und sie stürzte in ein tiefes Loch. Zum Glück blieb sie unverletzt, das Laub und das Moos, das die Grube bedeckt hatte, dienten als weiche Unterlage. “Bauz, Pardauz, da liegen wir, meine Kleine.“
Auch Colombino schien den Fall glimpflich überstanden zu haben.
“Nenn mich nicht meine Kleine, ich bin wesentlich größer als du.“
“Größer schon, aber nicht intelligenter, sonst hättest du uns nicht in diese Bärenfalle gebracht.“
“Bärenfalle?“
“Genau. Der Bär riecht den Honig, stapft blindlings drauflos und wird zur leichten Beute. Wie wir.“
“Das kann jedem mal passieren.“ verteidigte sich Pallina. “Sag mir lieber, wie wir hier wieder herauskommen.“
“Hast du deine Delikatessen dabei? Eine kleine Kräftigung könnte ich jetzt schon vertragen.“ Sie reichte ihm eine Feige und schälte sich selbst eine Apfelsine. Sie kauten und überlegten, bis Colombino plötzlich ausrief: “Halt, ich hab’s.“ Er stieß einen hellen Pfiff aus und kuschelte sich dann zufrieden in das Tragetuch. Nichts geschah.
“Nun, was ist?“ fragte die kleine Prinzessin. “Du wirst schon sehen,“ schmunzelte er. “Wart’s nur ab!“
Nicht lange darauf hörte Pallina ein Geräusch oben am Rand der Grube, ein Rascheln, als ob sich etwas im Gras bewegte. Sie sah nach oben: “Iiiih, Spinnen!“
Viele Tausend Spinnen krabbelten am Grubenrand. “Was sollen wir nur tun? Sie werden uns fressen!“ rief Pallina in heller Panik.
“Unsinn! Sie sind gekommen, uns zu helfen. Warte es nur ab.“

Er sollte Recht behalten. Die zahllosen Spinnen begannen an einem Netz zu knüpfen, das bis zu den Gefangenen herunterreichte. Immer dichter und stärker woben sie ihr Werk, obwohl jedes Tier nur einen dünnen, kaum sichtbaren Faden zum Gewebe beitrug. Endlich war es so fest, dass Pallina daran wie an einer Strickleiter nach oben klettern konnte.
“Gerettet!“ jubelte sie, als sie der Falle entronnen waren. “Ab heute werde ich Spinnen mit anderen Augen betrachten“ meinte sie zu Colombino.
“Dann war unser Reinfall ja nicht völlig umsonst.“ gurrte er vergnügt. “Jetzt aber weiter, wir haben schon genügend Zeit verloren.“

Wenig später endete der Wald und eine weite, ebene Fläche erstreckte sich schier endlos vor ihren Augen. Unermüdlich trippelte Pallina voran und doch schienen sie sich nicht von der Stelle zu bewegen. “Wir kommen ja kaum vom Fleck!“ ächzte Colombino, “aber ich glaube, ich kann Abhilfe schaffen. Siehst du die Staubwolke am Horizont? Das sind Wildpferde.“ Wieder stieß er einen hellen Pfiff aus. Schon bald stand ein feuriger Mustang schnaubend vor ihnen. “Pass auf, Pallina! Wenn er seinen Kopf vor dir neigt, ziehst du dich an seiner Mähne empor und schwingst dich auf seinen Rücken!“

Das war zwar leichter gesagt als getan, doch sie schaffte es und bald brausten sie wie der Wind über die Steppe. Die kühne Reiterin hatte keine Angst abgeworfen zu werden, es kam ihr vor, als sei sie am Pferderücken festgewachsen, ewig hätte sie so dahinsausen können. Indes, viel zu früh hielt der Hengst inne. “Wieso hält er an?“ fragte Pallina. “Dumme Frage. Du siehst doch den Fluss da vorne. Du sitzt auf einem Wildpferd und keinem Nilpferd. Ab hier müssen wir uns eben anders behelfen.“
Pallina ließ sich vom Pferderücken in den weichen Ufersand fallen. Sie gab dem Mustang einen Klaps. “Vielen Dank. Es war toll. Vielleicht sehen wir uns mal wieder.
“Auf Wihihihihiedersehen“ wieherte er auf und galoppierte davon, bald war nur noch eine Staubfahne zu sehen.

“So,“ sagte Colombino, “wenn wir dem Lauf des Flusses folgen, kommen wir ans Meer, – allerdings müssen wir uns ans andere Ufer begeben, hier drüben befindet sich nämlich ein Sumpfgebiet.“
“Und wie kommen wir hinüber?“
“Kannst du schwimmen?“
“Ja, ich bin früher oft geschwommen.“ Sie dachte an ihren kleinen See. Tiefe Traurigkeit erfasste sie, doch sie schüttelte die trübsinnigen Gedanken ab, wie eine Ente die Wassertropfen, wenn sie aus dem Wasser steigt. “Ich komme schon auf die andere Seite, aber was machen wir mit unserem Patienten? Warte, ich könnte aus meinen Kleidern ein Bündel schnüren, dich hineinsetzen und es dann auf dem Kopf über den Strom transportieren.“
„Nein danke, ich hasse Federn auf dem Hut. Ich glaube, ich habe da eine bessere Idee.“ Colombino sah angestrengt ans andere Ufer. “Gleich wird er wieder seinen berühmten Pfiff ertönen lassen.“ dachte Pallina. Sie hatte Recht. Doch nichts geschah. Colombino pfiff abermals. Wieder rührte sich nichts. Mit größtmöglicher Lautstärke machte Colombino sich zum dritten Mal bemerkbar.
“Ja sitzt der Kerl auf seinen Ohren?“ stieß er ärgerlich hervor. Doch diesmal schien es geklappt zu haben. Pallina konnte sehen, wie sich im Schlamm des gegenüberliegenden Flussufers etwas bewegte und dem Wasser zustrebte. Langsam schwamm es auf sie zu. Immer näher kam es und entpuppte sich schließlich als riesige Schildkröte.

«Tartaruga!“ brüllte Colombino, “hast du Seetang in deinen Ohren? Dreimal habe ich nach dir gerufen. Wo hast du denn gesteckt?“
“Im Schlamm natürlich, wo denn sonst? Ich halte nichts ahnend meine Siesta und liege gemütlich im warmen Schlamm, da kommst du daher und reißt mich aus meinen Träumen.“
“Es ist ja wohl keine Kunst, dich beim Faulenzen anzutreffen, du bist ja den ganzen Tag mit nichts andere. beschäftigt.“
“Hast du mich gerufen, um mich zu beleidigen, du Vogel? Augenblicklich schwimme ich zu meinem Schlammloch zurück.“
“Halt, warte noch, sei doch nicht gleich beleidigt! Du sollst ja sofort zurück, nimm uns aber bitte auf deinem Rücken zum gegenüber liegenden Ufer mit.“
“Meinetwegen, aber keine Unverschämtheiten mehr, sonst könnt ihr sehen, wo ihr ohne mich bleibt.“ brummte Tartaruga unwirsch. Pallina stieg auf seinen Rückenpanzer und gelangte so zusammen mit Colombino trockenen Fußes über den Fluss.

Nun folgte noch ein längerer Fußmarsch und dann waren sie endlich an der Mündung des Stromes angekommen. Pallina ließ ihren Blick über die Weite des Meeres schweifen und fragte: „Und was machen wir jetzt?“ “Eine gute Frage.“
„Soll das heißen, dass du auch nicht weiter weißt?“
“Nun, tja, äh… Wenn du mich so direkt fragst, also…“

Pallina setzte sich auf einen Felsen ein Strand und ließ den Kopf hängen: “Das ist ja eine schöne Bescherung. So weit sind wir schon gekommen und nun das. Ich habe geglaubt, du pfeifst nur mal kurz und schwupp. Aber sag mal, Colombino, eigentlich könnten wir es doch probieren?“
“Was meinst du damit?“
“Pfeif doch einfach mal, vielleicht tut sich etwas.“
“Ich will dir gern den Gefallen tun, aber allzu viel solltest du dir nicht davon versprechen.“
„Was haben wir schon zu verlieren? Raff dich auf, nur ein kleiner Pfiff!“
Colombino gehorchte seufzend. Gespannt lauschten sie. Im nahen Schilf begann es zu rascheln und ein großer Vogel mit einem gewaltigen Schnabel erhob sich in die Luft und flog auf sie zu. Colombino war ganz aus dem Häuschen: “Dio mio, das ist ja Fanfarone, der Pelikan. Wie kommt der denn hierher?“
Inzwischen war der Riesenvogel bei ihnen gelandet. “Fanfarone, altes Haus, was hat dich hierher verschlagen?“
“Ein Verwandtschaftsbesuch, Colombino caro. Ich bin beim Vetter Cenerino, dem Graureiher, zu Gast. Gerade eben wollte ich wieder heimfliegen.“
“Hör mal, Fanfarone, wir haben da ein kleines Problem: Diese junge Dame hier und ich, wir wollen zum Herrn der Gezeiten. Wir wissen aber nicht, wie wir es anstellen sollen.“

Längst waren Fanfarone die Verletzungen Colombinos aufgefallen und als er hörte, in welcher Bedrängnis sein Freund steckte, da besann er sich nicht lange:
“Amico caro, selbstverständlich kannst du auf mich zählen. Ihr steigt in meinen Schnabelsack und ich fliege euch zum Meister.“

Pallina verlor keine Zeit. Ohne zu zaudern zwängte sie sich in den unwahrscheinlich geräumigen Beutel unter dem Schnabel des Pelikans. Wieder einmal kam ihr deutlich zu Bewusstsein, dass es auch durchaus seine Vorzüge haben konnte, klein zu sein. Zwar bereitete das Abheben vom Boden dem schweren Pelikan gewisse Schwierigkeiten, sobald er aber Höhe gewonnen hatte, glitt er mit kraftvollen Flügelschlägen schnell und doch anmutig dahin. Hoch erhoben sie sich in die Luft. Tief unter ihnen glänzte das scheinbar unermessliche Meer.
Pallina steckte ihren Kopf aus dem Schnabel und genoss die Aussicht. Sie zwinkerte ihrem Reisegefährten zu und sagte laut genug, dass auch Fanfarone es hören konnte: “Ich glaube, besser hätten wir es gar nicht treffen können.“

Kapitel 3: Aufbruch mit Hindernissen

Kapitel 5: Der Flug übers Meer

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