Die kleine Pallina

Avidoro, der stolze König, fieberte vor Aufregung. Soeben hatten Dienerinnen ihm mitgeteilt, dass seine Frau ihm die lang ersehnte Tochter geboren habe. Erwartungsvoll eilte er zu ihr, um die Thronfolgerin zu begutachten, doch als er sein Kindlein erblickte, da schlug er die Hände über dem Kopf zusammen und jammerte: „Grande miseria! Grande miseria! Das Mädchen ist doch viel zu klein, ich kann sie ja kaum sehen! Was soll nur aus ihr werden?“ Da lächelte Florinda, seine Frau, legte ihre Tochter an die Brust und sagte: “Eine Königin, was sonst? Wir werden sie gut füttern, dann wird sie schon wachsen. Schau nur, wie durstig sie ist.“ Avidoro aber war untröstlich und raufte sich die Haare: “Grande miseria! Grande miseria!“

Es geschah, wie die Königin gesagt hatte: Die Prinzessin wurde reichlich gefüttert, oder besser gesagt, gemästet, und sie wuchs und wuchs und wuchs… in die Breite. Auf den Namen Carolina war sie getauft, doch alle nannten sie nur Pallina, das Kügelchen und dies war eine sehr passende Bezeichnung. Rund und prall war alles an ihr, von den dicken Bäckchen bis zu den strammen Waden. Ihre langen, dunklen, zu Zöpfen gebundenen Haare reichten bis zur Hüfte, ihre braunen Augen blitzten lustig und stets lachte ihr Mund. Sogar Avidoro, ihr Vater, hatte sich inzwischen damit abgefunden, dass sie eben nicht zu den Größten zählte und sie fest in sein Herz geschlossen.

Da normale Tische und Stühle für sie zu groß waren, ließ er eigens Möbel für sie anfertigen. Nicht bei einem Schreiner, sondern bei einem Puppenküchenbauer. Auch ihr Besteck und ihre Kleidung stammten von Puppen, von königlichen Puppen allerdings und waren deshalb von besonders erlesener Qualität.

Es fehlte Pallina also nicht an irdischen Gütern, und dennoch war sie nicht ganz glücklich. Gelegentlich drückte es sie, dass sie wegen ihrer Größe, oder besser gesagt, wegen ihrer Kleinheit, nicht so ganz für voll genommen wurdet Jetzt war sie schon über neuneinhalb Jahre alt und immer noch sahen alle in ihr das kleine, unmündige Kindchen, das man immer behüten muss und das nichts alleine machen darf. Deshalb nutzte sie jeden unbeaufsichtigten Augenblick und suchte an ihrem Lieblingsplatz Zuflucht. Das Schloss des Königs war auf drei Seiten von einer Stadt umgeben, in der seine Untertanen wohnten, nach Osten aber lag ein kleiner See und gleich daneben türmte sich eine hohe Felswand, von der ein rauschender Wasserfall herabstürzte. Und hierher, zu den Füßen des Wasserfalls, kam Pallina, wann immer es ihr möglich war.

Sie liebte es, das Tosen der Kaskaden zu hören, die wie mit Perlen durchsetzte Luft zu atmen und das Spiel der Sonnenstrahlen in der wirbelnden Wasserflut zu sehen. Sie beobachtete die majestätischen Schwäne, die elegant und scheinbar schwerelos dahinglitten, sie verfolgte den Flug des stolzen Adlers hoch über ihr, sie bewunderte die gelenkigen Bewegungen der flinken Möwen und sie amüsierte sich über das muntere Treiben der lebhaften Enten.

Wieder einmal saß sie verträumt beim Wasserfall. Es war sehr heiß an diesem Tag und sie fühlte sich wie in einem Glutofen, nicht einmal das Wasser des Sees hatte sie abzukühlen vermocht. Immer wieder trafen sie Wasserspritzer, die angenehm auf ihrer Haut prickelten. Als sie die herabsprudelnden Wassermassen betrachtete, dachte sie: “Ach, wie herrlich wäre es doch, unter der sprühenden Gischt zu stehen und sich erfrischen zu lassen.“ Gedacht, getan. Barfuß balancierte sie über die glitschigen Steine unter den Fall. Als das kühle Nass auf sie herab prasselte und ihre Haut zu kribbeln begann, fühlte sie sich in ihrem Element. “Warum bin ich nicht schon früher auf diese Idee gekommen?“ fragte sie sich begeistert. Gerade aber, als sie genug hatte und wieder ans Ufer gehen wollte, da rutschte sie auf einem glatten, bemoosten Stein aus und geriet aus dem Gleichgewicht. Wild ruderte sie mit den Armen. “Oje, jetzt krache ich gleich gegen den Fels!“ Doch keine Wand bremste ihren Sturz, sie fiel ins Nichts und landete auf hartem Steinboden.

“Che miracolo! Was ist denn das?“ Erstaunt sah sie sich um. Sie befand sich in einer Höhle, deren Eingang durch den Wasserfall verdeckt gewesen war. Düster und kalt war es hier drinnen, doch ein seltsames Leuchten ging von den Wänden aus. Die Farbe des Glitzerns erinnerte sie an die Krone, die ihr Vater auf dem Haupt trug. Das würde ihr bestimmt niemand glauben. Zu ihren Füßen lag ein kleiner Steinbrocken. Sie hob ihn auf und betrachtete fasziniert das metallische Glänzen. Sie trat wieder ins Freie. Draußen in der Sonne leuchtete es noch viel stärker, sie fühlte sich geradezu geblendet.
Eine Zeitlang spielte sie mit dem Gedanken, das Geheimnis für sich zu bewahren, doch dann sagte sie sich: “Vielleicht ist dieser Fund für meinen Vater wichtig und ich kann ihm so beweisen, dass ich trotz meiner Winzigkeit für etwas gut bin.“
So schnell sie konnte, lief sie zu Avidoro, um ihm ihre Beute zu zeigen. Der sah sie kommen und sein Blick fiel auf ihre blutigen Knie, die sie sich bei ihrem Sturz aufgeschlagen hatte. Er hob die Hände, schlug sie über dem Kopf zusammen und hub an: “Grande mi…“, da erspähte er den Stein in Pallinas Händen. “Woher hast du ihn?“ fragte er mit einem seltsamen Glitzern in den Augen. Sie erzählte ihm die ganze Geschichte. Sofort rief er seine Gelehrten, um das Fundstück untersuchen zu lassen. Bald stand das Ergebnis fest: Gold! Was da so metallisch schimmerte, war pures, reines Gold. In höchster Erregung ließ der König die Höhle hinter dem Wasserfall untersuchen: Gold, Gold, Gold…

Avidoro ließ am Berg Probegrabungen vornehmen. Es war kaum zu glauben, aber die gesamte, himmelhohe Felswand bestand in ihrem Inneren aus massivem Gold.
Längst bereute Pallina, ihren Fund preisgegeben zu haben, doch es war bereits zu spät, Avidoro war längst dem Goldrausch verfallen. Als er in ihr Zimmer trat, erkannte sie ihn kaum wieder: Schmale Schlitze die Augen, die Lippen fest aufeinander gepresst, der Atem ging hastig und stoßweise. “Carissima Pallina! Eine goldene Zukunft winkt dir. Ein unermesslicher Schatz liegt dort draußen verborgen. Doch wir werden ihn heben.“
“Heben, Vater?“
“Jawohl. Der Berg wird abgetragen und das Gold freigelegt. Mit dem Schutt füllen wir den See auf und auf dem neu gewonnenen Platz wird ein Palast aus Gold errichtet, aus purem Gold, für dich, meine Tochter.“ Paulina glaubte sich verhört zu haben: “Aber Papa, das kannst du doch nicht machen! Was geschieht mit den Schwänen und Enten, die auf dem See leben? Den Fischen? Den Möwen und Mauerseglern? Den Adlern?“

Unwillig schnitt Avidoro ihr das Wort mit einer Handbewegung ab, so, als verjage er eine lästige Fliege. “Verschone mich doch mit diesem Kroppzeug! Ungeziefer! Was zählt das gegen Gold?“
“Aber Papa, ich liebe die Tiere. Meinen Wasserfall…“
“Ach was, Wasserfall. Schau dich an, dann siehst du, was du von deinem Wasserfall hast: Zerschundene Knie.“ Er sah die Tränen in Pallinas Augen und beruhigte sich etwas. Ein wenig milder fuhr er fort: “Ich verstehe dich ja, meine Tochter, aber du bist einfach noch zu klein, um die Bedeutung des Goldes zu erkennen. Alles was ich tue, tue ich doch nur für dich. Später wirst du mir dafür dankbar sein.“ Er legte seinen Arm um sie und sagte: “Du wirst einen wunderschönen Garten bekommen, mit Sträuchern und Bäumen, einem kleinen Weiher mit Fischen und… einem goldenen Springbrunnen. Das verspreche ich dir. So, und jetzt habe ich zu tun, die Pflicht ruft.“ Mit diesen Worten ließ er die verstörte Pallina allein.

Es geschah so, wie Avidoro vorhergesagt hatte: Der Berg wurde abgetragen, der See zugeschüttet und bald erglänzte ein Schloss aus purem Gold im gleißenden Sonnenlicht. Pallina verkroch sich in ihrem Zimmer, zog sich die Decke über den Kopf und wollte von alledem nichts hören und sehen. So blieb ihr erspart zuzuschauen, wie ihre geliebten Vögel verjagt oder gar erschossen wurden und ihr geliebter Wasserfall für immer versiegte.

Avidoro hielt sein Versprechen, doch selbst der schönste Garten war nur ein matter Abglanz ihres zerstörten Paradieses, daran konnte auch ein goldener Springbrunnen nichts ändern. Pallina, die früher stets fröhlich gewesen war, lachte nicht mehr. Sie fühlte sich müde und lustlos und hätte am liebsten den ganzen Tag geweint.
Auch Avidoro war alles andere als glücklich. Schnell hatte sich der unermessliche Reichtum der Stadt herumgesprochen und von fern und nah eilten Bettler, Habenichtse und Gauner herbei, um sich auch ihr Scheibchen vom goldenen Kuchen abzuschneiden. Dem König missfiel diese Entwicklung immer mehr. “Grande miseria! Das ist nicht mehr meine gute, alte Stadt! Was ist nur aus ihr geworden? Überall Neid und Missgunst, Mord und Totschlag und wohin man sich auch wendet, stolpert man über dieses Bettlergesindel. Jetzt reicht’s! Ich werde meine Stadt säubern.“

So geschah es. Von seiner Leibgarde ließ er sämtliche Bettler und auch alles andere Lumpenpack aus der Stadt jagen. Zufriedenheit erfüllte ihn. Doch als er am nächsten Tag über den Marktplatz ging, um den Erfolg seiner Maßnahmen zu überprüfen, da musste er feststellen, dass alle, die er hatte verjagen lassen, wieder zurückgekehrt waren und noch etliche neue dazu.
Nun platzte ihm aber endgültig der Kragen: “Basta! Finito! Ich lasse eine Mauer um mein Schloss und die Stadt errichten, eine hohe Mauer, sie wird das Ungeziefer abhalten.“
So geschah es. Eine Mauer, eine sehr hohe Mauer wurde errichtet, der einzig verbliebene Zugang bestand aus einem Tor, das bei Tag und Nacht streng bewacht wurde. Zusätzlich postierte Avidoro auf den Zinnen Scharfschützen und gab ihnen den strengen Befehl, jeden unbefugten Eindringling, sei es Mensch oder Tier, niederzuschießen. Ab sofort herrschte Ruhe in der Stadt.

Noch immer aber plagten Avidoro Sorgen. Das Gold war ihm ausgegangen. Der Mauerbau und der Unterhalt seiner Leibgarde hatten Unsummen verschlungen, doch alles Gold, das er noch besaß, war im Schloss verbaut. Seinen Palast abreißen? — Niemals! Woher aber neues Gold nehmen, wenn nicht stehlen? Man müsste, ja genau, man müsste an der Stelle, an der die Felswand gestanden hatte, einen Stollen nach unten graben und früher oder später müsste man doch auf Gold stoßen. Das war die Lösung! Womit aber die Grubenarbeiten bezahlen? Avidoro brütete und brütete. Vielleicht…

Er eilte zu Pallina. “Carissima. Weißt du, was mir gerade für ein Gedanke gekommen ist? Ich habe mir überlegt, dass ein goldener Brunnen gar nicht in deinen Garten passt. Was hältst du davon, wenn ich dir einen Schwan aus weißem Marmor meißeln lasse? Du liebst doch die Vögel mehr als dieses komische, gelbe Metall. Na, was meinst du dazu?“ Erwartungsvoll sah er Pallina an, die aber hatte gar nicht richtig zugehört, da sie immer noch ihrem Wasserfall nachtrauerte. Undeutlich murmelte sie nur: “Mach doch, was du für richtig hältst.“
“Danke, Töchterlein.“ Avidoro schloss die Türe hinter sich, dann grinste er von einem Ohr zum anderen und rieb sich vergnügt die Hände.

Bereits am nächsten Tag begannen die Grabungsarbeiten an einem tiefen Loch. Avidoro setzte alle seine Hoffnungen darein. Tiefer und tiefer drangen die Arbeiter vor. “Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis wir auf Gold stoßen, da bin ich völlig sicher.“

Kapitel 2: Die weiße Taube

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