Aufbruch mit Hindernissen

Behutsam trug Pallina Colombino auf ihr Zimmer. Dort nahm sie ein seidenes Tuch und band es sich vor die Brust. Sanft und vorsichtig bettete sie den Täuberich hinein. “Jetzt bist du mein kleines Kindlein“ lachte sie und tanzte beschwingt durch den Raum. Colombino aber wehrte ab: “Bitte lass das! Ich bin ein armer, kranker, verletzter Vogel, vergiss das nicht!“
“Scusi, poverino. Bitte entschuldige.“
Geschwind füllte sie einen Beutel mit einigen saftigen Orangen und reifen Feigen. “Etwas Proviant kann nie schaden“ meinte sie.
“Jetzt erkläre ich noch meinen Eltern, was ich vorhabe, dann brechen wir auf.“
“Du glaubst, sie lassen dich gehen?“
“Sie müssen!“ Als sie aus dem Zimmer trat, hörte sie die verzweifelte Stimme ihres Vaters ertönen. “Grande miseria! Grande miseria
“Oje, was habe ich nun schon wieder verbrochen?“ stöhnte Pallina. Doch, welch Wunder, diesmal war nicht sie es, die seinen Unwillen erregte. Stöhnend stand er auf der Straße und raufte sein Haar. “Aber Papa, was ist denn los?“ Avidoro sah sie völlig entgeistert an: “Was los ist? Da schau hin, dann siehst du es selber!“

Er deutete auf das Stadttor, oder besser gesagt, er wies auf die Stelle, an der sich das Tor befunden hatte. Pallina rieb sich verblüfft die Augen. Das Tor war verschwunden! Nahtlos versiegelt präsentierte sich das Mauerwerk, als habe es nie einen Durchgang gegeben. “Wir sind eingeschlossen!“ rief der König. “Wir müssen durchbrechen! Wir benötigen Wasser und Nahrung, sonst ist es um uns geschehen.“

Auf seinen Befehl hin versuchten Männer mit Hämmern und Meißeln ein Loch in die Mauer zu schlagen, ohne Erfolg. Die Meißel zerbrachen wie Schilfhalme, ebenso schwere Brechstangen. Nun ließ der König einen Rammbock auffahren. Die fünfzig stärksten Männer der Stadt bewegten ihn mit aller Kraft auf das Bollwerk zu, ein lautes Krachen ertönte und in der Mitte gespalten, brach der Bock auseinander, die Mauer jedoch blieb unversehrt. Nach diesem Misserfolg schickte Avidoro Untergebene mit langen Seilen auf die Zinnen, mit dem Auftrag, sich nach draußen abzuseilen. Unverrichteter Dinge mussten sie wieder herabsteigen. Ein unsichtbares Hindernis hatte ihren Versuch vereitelt, die Stadt lag wie unter einer Käseglocke gefangen.

“Grande miseria!“ jammerte Avidoro. “Was haben wir nur verbrochen, dass wir so gestraft werden?“ Colombino flüsterte leise aus Pallinas Brusttuch heraus: “Ich glaube, das geht auf meine Kappe. Der Meister hat bestimmt von meinem Abschuss erfahren und will so den Frevel ahnden.“
“Großartig!“ empörte sich Pallina. “Das hat er ja fein hingekriegt! Und wie soll ich dich jetzt zu ihm bringen? Selbst wenn ich ein Vöglein wäre, käme ich nicht hinaus.“ Kaum aber, dass sie diese Worte gesprochen hatte, tat sich in der Mauer nahe dem Boden eine kleine, kreisrunde Öffnung auf und darüber erschienen wie aus dem Nichts geheimnisvolle Schriftzeichen.

Avidoro trat hinzu und begann zu lesen: “IEWZ LEGÜLF DNU MRA….“ Hilflos zuckte er mit den Achseln: “Ich verstehe diese Sprache nicht. Man rufe meine Gelehrten!“
Bald waren alle klugen Köpfe seines Hofes versammelt. Lange und gründlich begutachteten sie die mysteriösen Zeichen, daraufhin begannen sie ein erbittertes Streitgespräch über deren Herkunft und Bedeutung. Sprach der eine von signifikanten Parallelparallaxen, die geradezu archetypisch für den indogermanischen Sprachduktus seien, so beharrte der andere auf der indifferenten Vokalkonsonanz, die auf eine divergierende Verballinguistik schließen lasse.

Auch Pallina hatte die Schrift aufmerksam studiert und meinte nun halblaut zu Colombino: “Für mich ist das ganz klar Spiegelschrift, was meinst du?“
“Es ist Spiegelschrift!“ Pallina trat vor und sagte laut: „Papa, bei dieser Schrift handelt es sich um Spiegelschrift.“ Ein Raunen ging durch die Schar der Gelehrten. Erneut inspizierten sie genauestens die Buchstaben, schließlich trat der Obergelehrte vor, hob den Zeigefinger und dozierte würdevoll: “0 mein König. Nach reiflicher Überlegung sind auch wir zu der Auffassung gelangt, dass es sich hier um Spiegelschrift handelt. Allerdings“ – er hob den Finger noch etwas höher — “um eine seltene südaramäische Abart davon, die nicht, ich betone, nicht auf den ersten Blick zu erkennen ist.“
Avidoro warf ihm einen wütenden Blick zu und brüllte: “Man bringe einen Spiegel!“
Seinem Befehl wurde augenblicklich Folge geleistet. Unzählige Augenpaare richteten sich auf den goldumrahmten Spiegel und lasen:

MIT ARM UND FLÜGEL ZWEI

DER BEINE VIER

SO KOMMT IHR FREI

DURCH DIESE TÜR?

Avidoro warf einen ratlosen Blick auf seine Gelehrten. Augenblicklich begannen sie erregt über den Hintersinn der Worte zu debattieren. Endlich, nach langer und hitziger Diskussion schien sich eine Einigung abzuzeichnen. Feierlich verkündete der Obergelehrte das Ergebnis: “Höre, o mein König! Die Zeilen beziehen sich ganz offensichtlich auf ein Tier, und zwar einen Drachen, einen geflügelten Drachen mit zwei Armen und vier Beinen. Zwar wissen wir nicht ob, und wenn ja, wo es ihn gibt, doch wird er des öfteren in der wissenschaftlichen Literatur erwähnt. Die Fakten lassen keinen anderen Schluss zu. Punctum.“ Ratlos streckte Avidoro seine Hände gen Himmel und rief:
“Grande miseria! Wo in Gottesnamen soll ich einen geflügelten Drachen auftreiben?“ Nun konnte sich Pallina nicht. mehr länger zurückhalten: “Papa, vergiss den Drachen! Sieh her!“ Sie deutete auf Colombino. “Er hat zwei Flügel, ich zwei Arme, zusammen besitzen wir vier Beine. Jetzt schau dir die Öffnung an! Ich bin die einzige in der ganzen Stadt, die da hindurch passt.“
Der Obergelehrte hob abermals den Zeigefinger und sprach würdevoll und gemessen, wobei er Wort für Wort genau abwog: “Mein König! Ich möchte zu bedenken geben, dass man auch diesen Gesichtspunkt nicht von vornherein verwerfen sollte.“

Avidoro bedachte ihn mit einem vernichtenden Blick und legte dann seiner Tochter die Hand auf die Schulter: “Mein Kind, ich bin stolz auf dich. Ich lasse dich nur ungern ziehen, doch du bist unsere letzte Hoffnung. Unsere besten Wünsche werden dich begleiten.“
Pallina umarmte noch einmal ihre Mutter und gab ihr einen Kuss, dann zwängte sie sich unter dem Jubel der Zuschauer durch die enge Röhre und landete gemeinsam mit Colombino auf der anderen Seite der Mauer.

Kapitel 2: Die weiße Taube

Kapitel 4: Die Reise beginnt

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