Auf der Felseninsel

Fanfarone war inzwischen auf der Festungsmauer gelandet und setzte nun seine Reisegäste ab. “Soll ich hier auf euch warten?“ fragte er. “Nicht nötig.“ beschied Colombino, “Den Rücktransport wird sicherlich der Meister übernehmen.“
“Schade“ sagte Pallina, “ich wäre liebend gern mit dir zurückgeflogen. Die Reise durch die Luft mit dir war unbeschreiblich schön.“
Fanfarone wurde ganz verlegen und versuchte verschämt seinen Kopf unter dem Gefieder zu verstecken, was ihm wegen der Größe seines Schnabels nicht so ganz gelingen wollte. Er rettete sich aus seiner Zwickmühle, indem er sich in die Luft erhob und mit einem krächzenden “Graahhziääh“ entschwand.
“Vielen Dank, Fanfarone,“ rief Pallina und winkte ihm nach, “Du bist wirklich der Größte.“
“Na, na,“ erklang es aus ihrem Brusttuch, “er mag ja einen großen Schnabel haben und auch ganz gut fliegen können, vergiss aber nicht, dass auch andere…“
“Sei still, Colombino!“ unterbrach sie ihn. “Fanfarone ist wirklich der Größte, aber du, du bist unbezahlbar.“ Sie wollte ihn an sich drücken, da fielen ihr seine Verletzungen wieder ein. Sicherlich waren sie noch nicht verheilt. Der eigentliche Anlass ihres Besuchs trat ihr erneut deutlich vor Augen. “Komm, Colombino, suchen wir nach deinem Meister!“

Sie stieg die steinernen Stufen zum Innenhof der Festung hinab. “Weißt du, wo dein Herr zu finden ist?“ fragte sie den Täuberich. “Die Wege des Herrn sind unerforschlich.“ zitierte Colombino. “Wollen wir wenigstens hoffen, dass er überhaupt hier ist, ich möchte den weiten Weg nicht umsonst gemacht haben.“
“Der Meister ist überall, also ist er auch hier.“ meinte Colombino vielsagend.
“So ein Unsinn! Wenn er überall wäre, hätten wir uns die Reise sparen können, dann wären wir besser zu Hause geblieben.“
“Vielleicht ist es so, vielleicht auch nicht.“

Langsam aber sicher begannen Pallina die geheimnistuerischen Andeutungen der Taube auf die Nerven zu gehen: “Jetzt reicht’s mir aber mit deinen dummen Sprüchen!“ Sie überlegte, wohin sie sich wenden sollte. Unzählige Türen gab es hier im Hof: Große, kleine, breite, schmale, geschwungene, eckige, hohe, niedrige, manche standen weit offen, andere erweckten den Eindruck, als seien sie fest verriegelt.

Kurz entschlossen sagte sie zu Colombino: “Ich bin die Kleinste, also werde ich es auch bei der kleinsten Tür versuchen. Was meinst du?“
“Ich halte das für eine gute Idee.“ Im hintersten Winkel des Hofes befand sich eine Tür, die kaum höher als Pallina war. “Ich glaube, hier bin ich richtig. Hoffentlich ist sie nicht versperrt.“ Sie drückte die Klinke nieder, die Tür öffnete sich.

Ein feucht—warmer Lufthauch flutete ihr entgegen, exotische, wunderbar aromatische Gerüche drangen ihr in die Nase. Zögernd trat sie ein. Der ganze Raum war ein einziges Pflanzenmeer. Dicht gedrängt standen kreuz und quer Töpfe mit Blumen und Kräutern, Kübel mit kleinen Sträuchern und Bäumen auf dem Boden, wuchernde Kletterpflanzen bedeckten die Wände und selbst von der Decke wuchs ein undurchdringliches Schlingpflanzengewirr. “Wir sind anscheinend in der Gärtnerei gelandet.“ flüsterte Pallina Colombino zu. An einem Tisch in der Mitte des Zimmers stand ein Mann. Er trug eine abgewetzte, grüne Gärtnerschürze und auf seinem Kopf thronte ein löcheriger, zerknautschter Strohhut. Liebevoll und sorgsam war er gerade damit beschäftigt, eine prächtig blühende Orchidee in einen großen Holzkübel einzupflanzen.

Pallina nahm all ihren Mut zusammen und sprach den alten Mann an: “Guten Tag. Sie sind sicher der Gärtner hier. Könnten sie mir freundlicherweise sagen, wo ich den Herrn der Gezeiten finden kann?“ Sie hatte noch nicht geendet, da wurde Colombino von einem derartigen Lachkrampf geschüttelt, dass er beinahe aus dem Seidentuch gefallen wäre. „Hoffentlich hat ihn das tückische Wundfieber nicht erwischt“ dachte Pallina beunruhigt. “Jetzt so nahe vor dem Ziel.“ Der Gärtner drehte sich um und fragte mit einem milden Lächeln: “Was willst du denn von ihm?“
Die Prinzessin deutete auf Colombino, der sich vor Lachen krümmte. “Er soll diesem bedauernswerten, verletzten Vogel helfen.“ Der Angesprochene warf einen Blick auf den Täuberich und stellte dann fest: “Gar so schlecht scheint es ihm ja nicht zu gehen. Ich will sehen, was ich für ihn tun kann, für Kranke bin nämlich ich hier zuständig. Leg ihn vorsichtig auf den Tisch!“

Pallina hob Colombino sacht auf und bettete ihn auf der Tischplatte in ihr Tuch. Mittlerweile hatte er sich beruhigt und jammerte nur noch halblaut vor sich hin: “Ah, die Schmerzen, diese Schmerzen!“
Der Gärtner untersuchte Colombino sorgfältig, schließlich sagte er amüsiert: “Wie ich es mir gedacht habe. Seine Verletzungen sind längst verheilt, allerdings hat er sich bei seinem Lachanfall die Schulter ausgerenkt.“ Mit einem einzigen, geübten Griff behob er die schmerzhafte Verrenkung. Colombino rappelte sich auf und flatterte fröhlich im Zimmer umher: “Hurra, ich kann fliegen, ich kann fliegen!“
Pallina glaubte sich verhört zu haben: “Was soll das heißen: Längst verheilt? Und da lässt du dich die ganze Zeit von mir spazierentragen? Die Antwort erfolgte prompt: Es war sehr schön an deiner Brust, außerdem fühlte ich mich wirklich sehr schwach.“ Pallina drohte ihm mit dem Zeigefinger: “Na warte, wenn ich dich erwische!“
“Du erwischt mich nicht, denn ich kann flihiegen.“
Der Gärtner schaltete sich ins Gespräch ein: “Nun, mein Kind, hast du sonst noch etwas auf dem Herzen?“
“Ja, der Herr der Gezeiten hat meine Heimatstadt von der Außenwelt abgeschnitten. Ich will ihn bitten, sie wieder freizugeben. Andernfalls müssten alle Bewohner verhungern.“ Der Alte schmunzelte: “Auch fürs Abschneiden bin ich zuständig. Wir wollen doch einmal sehen, was wir hier haben.“
Er begann die Reihen der Blumenkästen entlangzuschreiten, als ob er nach etwas suche. Nach eingehender Prüfung schien er es gefunden zu haben. Er grub mit den Händen ein kleines, grünes Pflänzchen aus einer Schale und reichte es Pallina.

Erstaunt betrachtete sie es. “Was ist das?“
Er lächelte. “Dies ist das Kraut der Erkenntnis. Bitter am Anfang, doch später süß. Unscheinbar, und trägt doch eine herrliche Blüte. Kaum einer kennt es und doch wächst es zu jedermanns Füßen, er muss sich nur hinunterbeugen, es zu pflücken.“
“Was soll ich damit anfangen?“
“Ich habe dir alles gesagt, was du wissen musst.“
“Darf ich jetzt mit dem Herrn der Gezeiten sprechen? Er muss unbedingt unsere Stadt retten.“
Der alte Mann wies auf eine Tür am Ende des Raumes: “Versuch es dort!“ Pallina drehte sich nach Colombino um: “Begleitest du mich?“ Der Täuberich flatterte auf den Strohhut des Alten und flötete: “Mein Platz ist hier, mia cara. Ich wünsche dir viel Glück. Unsere Wege trennen sich nun. Addio!“
Traurig hob Pallina die Hand und winkte: “Addio!“ Sie ging einige Schritte. Noch einmal drehte sie sich um: “Colombino, ich habe dich sehr gern.“
Sie bewegte sich auf die Tür zu und ihre Knie begannen zu zittern. Jetzt würde sie also gleich dem Herrn der Gezeiten gegenüberstehen. Was sollte sie ihm nur sagen? Sie fühlte einen dicken Kloß im Hals, doch dann dachte sie sich: Es wird mir zur richtigen Zeit schon das richtige einfallen. Sie wandte sich zum Gärtner um: “Vielen Dank für das Kraut! Sie waren sehr nett! Addio!“

Sie öffnete die Tür und stand vor einer Mauer. Erschrocken blickte sie sich um. Sie stand auf freier Flur, die Festung war weg, spurlos verschwunden, kein Meer weit und breit. Sie trat näher an die Mauer heran und betrachtete sie genauer. Langsam dämmerte ihr die Erkenntnis: Das ist unsere Stadtmauer. Ich bin wieder daheim!“

Kapitel 5: Der Flug übers Meer

Kapitel 7: Die Rückkehr

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