Der Flug übers Meer

Eine ganze Weile flogen sie nun schon im gleichmäßigen Rhythmus der Flügelschläge Fanfarones über das azurblaue Meer. Es war ihm nicht entgangen, dass Pallina immer unruhiger geworden war, so dass er sich schon gefragt hatte, was wohl mit ihr los sei. Schließlich rückte sie mit der Sprache heraus: Fanfarone, ich halte es nicht mehr aus, ich muss mal.“
“Was, hier mitten über dem Meer, kannst du denn nicht warten, in ein paar Stunden sind wir am Ziel.“
“Nein, ich muss jetzt sofort, auf der Stelle.“
“Na gut, dann musst du eben dein Hinterteil über meinen Schnabelrand hinausstrecken.“
“Du glaubst, dass es so klappt?“
“Natürlich, die Vögel im Nest machen es auch so.“ Pallina zögerte noch. “Fanfarone?“
“Ja?“
“Du musst aber wegschauen.“
“Kannst du mir erklären wie ich das machen soll?“
“Dann mach bitte die Augen zu.“
“Ausgeschlossen, da sehe ich ja nicht, wo ich hinfliege.“
“Fanfarone, ich bitte dich!“
“Es geht nicht!“
“Also gut, wenn du die Augen nicht schließen willst, dann werde ich mein Geschäft eben hier drinnen erledigen.“
“Bist du wahnsinnig? Das meinst du doch nicht ernst?“ Er hörte das Rascheln ihrer Kleidung. “Halt! Warte! Ich will ja tun, was du verlangst. Ich mache die Augen zu, auf deine Verantwortung.“ Schicksalsergeben kniff er seine Augen fest zusammen. Nachdem sie sich vergewissert hatte, dass Fanfarone nicht blinzelte, streckte Pallina ihren blanken Popo weit aus dem Schnabel heraus und ließ ihren Gefühlen freien Lauf, während der Pelikan etwas von “Erpressung“ grummelte. Aus ihrem Brusttuch dagegen ertönte ein nur mühsam unterdrücktes Kichern.
Zumindest Colombino schien sich königlich zu amüsieren.

“Schade, dass wir jetzt nicht über Land fliegen,“ meinte Pallina, “einigen Leuten hätte ich zu gern einmal auf den Kopf gepinkelt.“
Das Bächlein hatte kaum zu fließen aufgehört, da ertönte plötzlich ein empörtes Kreischen und eine heftige, unerwartete Erschütterung hätte Pallina beinahe aus dem Schnabel purzeln lassen. In seinem Blindflug hatte Fanfarone einen Albatros gerammt, der gedankenverloren durch die Lüfte gesegelt war und nun schlagartig aus seinen Träumen gerissen wurde. “Pass doch auf, du Tölpel! Hast du keine Augen im Kopf?“ machte er seinem Unmut Luft.
“Pass doch selber auf, du Traumtänzer!“ blaffte Fanfarone zurück. “Wenn du schon so weltentrückt herumgondelst, hab wenigstens ein klein wenig acht auf den übrigen Flugverkehr!“ Der Albatros schien es unter seiner Würde zu finden, sich auf eine Auseinandersetzung einzulassen. Er hob seinen Schnabel noch um etliches höher und knurrte nur verächtlich: “Verschwinde, du Trampel, mitsamt deinem komischen Fisch! (Damit war Pallina gemeint). Ohne sich noch einmal umzudrehen, schwebte er davon.

Fanfarone kochte vor Wut. „Hat man so etwas schon erlebt? Dieser Schnösel meint wohl er sei etwas besseres, nur weil er stundenlang segeln kann, ohne die Flügel zu bewegen? Faulheit nenne ich so etwas, jawohl, Faulheit! Und habt ihr seinen Schnabel gesehen? Klein und mickrig!“

Pallina fühlte sich an der Karambolage nicht ganz unschuldig. Eifrig pflichtete sie ihm bei: “Sehr richtig! Mit diesem lächerlich kleinen Schnabel könnte der bestimmt keine Passagiere übers Meer transportieren. Ich kenne überhaupt keinen Vogel, der mit Fanfarones Schnabel mithalten kann.“ Sie gab Colombino einen leichten Stups und auch dieser stimmte ein: “Fanfarone hat den Größten! Fanfarone ist der Größte! Fanfarone lebe hoch!“ Leise raunte Pallina ihm zu: “Übertreib nicht, sonst denkt er, wir wollen ihn auf den Arm nehmen.“ Fanfarone jedoch hätte den Lobgesängen stundenlang lauschen können. Seine Laune besserte sich zusehends und schon bald war der Vorfall vergessen.

Pallina genoss das schwerelose Dahingleiten und die Aussicht auf das bewegte Meer. Lustig tanzten die weißen Gischtkronen auf den schwingenden Wellen. Plötzlich stutzte sie: “Was sind denn das für sonderbare Vögel dicht über der Wasseroberfläche?“
“Das sind keine Vögel, sondern Fische. Fliegende Fische.“
“Und die können wirklich fliegen?“
“Wo denkst du hin? Nein, sie springen hoch aus dem Wasser und segeln dann einen kurze Strecke auf ihren breiten Brustflossen.“ Er schnaubte verächtlich: “Blutige Anfänger.“
“Wenn du den Schnabel nicht voll hättest, könntest du ihn weit aufsperren, und sie würden dir mitten ins Maul hineinfliegen, wie im Schlaraffenland.“
“Ha, ha, das werde ich bei Gelegenheit einmal ausprobieren.“

Fanfarone hatte sich bis jetzt tapfer gehalten, allmählich aber konnte er leichte Ermüdungserscheinungen nicht mehr verbergen. Sein Atem ging schwer und rasselnd, die Bewegungen seiner breiten Schwingen erfolgten immer abgehackter und unregelmäßiger. “Ich muss mich unbedingt ausruhen, sonst halte ich nicht durch. Du hast ein ziemliches Gewicht, meine Kleine.“
“So schwer bin ich auch wieder nicht“ entgegnete Pallina leicht gekränkt, “außerdem darfst du Colombino nicht vergessen, der ist nämlich, auch noch hier.“ Sofort hallte lauter Protest aus dem Brusttuch: “An mir kann es bestimmt nicht liegen, ich bin leicht wie eine Feder.“
“Ruhe jetzt!“ tönte Fanfarone. Unter ihnen war eine kleine Insel aufgetaucht, die von Möwen bevölkert war. “Dort werde ich mich ein wenig ausruhen.“ Er ging tiefer, landete im Wasser und ließ Pallina vom Schnabel aus an Land steigen. Kaum aber, dass sie den Boden betreten hatte, rief sie voller Schrecken: “Fanfarone, die Insel bewegt sich!“ Auch der Pelikan sah es jetzt. “Ein Wal. Die Insel ist der Rücken eines Wales.“
“Oje, was machen wir bloß?“
“Nur keine Aufregung! Er hält hier seine Siesta und lässt sich dabei von den Möwen lausen.“
“Lausen?“
“Auf der Haut der Wale nisten sich allerlei Parasiten ein, darunter auch die Walläuse. Wenn sie ihn zu sehr quälen, kommt er ganz nach oben an die Wasseroberfläche und die Möwen befreien ihn sehr gern von den Plagegeistern, da sie ihnen ausgezeichnet schmecken. Ich dagegen ziehe Fische vor und mit eurer Erlaubnis werde ich mir eine Portion genehmigen.“
“Du kannst uns doch nicht allein lassen, was geschieht, wenn er taucht?“
“Er taucht nicht ohne Vorwarnung. Außerdem bin ich gleich wieder hier.“ Er schwang sich wieder hoch in die Luft und stürzte sich dann senkrecht ins Wasser. Als er nach einiger Zeit wieder auftauchte, glänzten schuppige Fischleiber in seinem prall gefüllten Schnabel, die er gierig verschlang. Gesättigt und sichtlich zufrieden kehrte er zu seinen Passagieren zurück. Pallina atmete auf: “Gott sei Dank. da bist du ja wieder. Zum Glück hat der Wal nicht geblasen, auf eine Dusche kann ich momentan wirklich verzichten.“
“Dusche? Ein Wal bläst doch kein Wasser in die Luft, sondern nur seinen Atem. Der kondensiert in der kalten Umgebung und wird zur weißen Fontäne. Nichts als Dampf.“ Er plusterte beiläufig sein Gefieder auf. “Jeder halbwegs gebildete Pelikan weiß das. Uns kann also nichts passieren.“
Just in diesem Augenblick hob der Wal seine gewaltige Schwanzflosse und klatschte sie dann schwungvoll auf die Wasseroberfläche. Ein kalter Schwall prasselte auf die Reisenden nieder. Wie begossene Pudel standen sie da. Pallina und Colombino sahen Fanfarone vorwurfsvoll an und echoten wie aus einem Mund: “Nichts passieren?“

Fanfarone ließ sich auf keine Diskussion ein: Schnell einsteigen, das war die Vorwarnung, gleich wird er wegtauchen.“ Die Möwen umkreisten sie und ließen ein kreischendes “Häh, häh, häh“ ertönen. Fanfarone beruhigte die erboste Pallina:

Denk dir nichts, das sind Lachmöwen, die wissen es nicht besser.“ Eilig stieg sie wieder in den Schnabel und der Pelikan erhob sich schwerfällig in die Luft. Kurz darauf sahen sie, wie der Wal mit einem weiteren wuchtigen Schlag der Schwanzflosse in der Tiefe verschwand. “Puh, das war aber knapp!“ stöhnte Pallina. “Ach was, es ist doch nichts passiert.“
“Nichts passiert? Ich bin klatschnass und ich kann das Wasser nicht so einfach abschütteln wie ein Vogel.“
“Im Fahrtwind bist du rasch wieder trocken“ erwiderte Fanfarone und Pallina glaubte eine leise Schadenfreude aus seinen Worten herausgehört zu haben.
Die Zwischenmahlzeit hatte Fanfarone zu neuen Kräften verholfen, in alter Frische zog er seine Bahn, der Proviantbeutel Pallinas hingegen war bereits seit längerer Zeit leer. “Fanfarone, ich bin am Verhungern, ich brauche unbedingt etwas zum Essen.“
„Hör mal, meine Kleine, ich kann auch nicht zaubern.“
„Wir haben Hunger!“ erklang es zweistimmig aus seinem Schnabel.
“Ihr habt Glück, ich kann eine Insel erkennen.“
“Insel?“ erklang es misstrauisch aus seinem Mund.
“Jawohl, Insel. Auf einem Walrücken mögen wohl Muscheln und Krebse wachsen, aber keine Palmen.“
Pallina musste zweimal hinsehen, um es glauben zu können: Am Horizont erschien eine Insel, auf der hohe Pflanzen ihre schlanken Stämme zum Himmel emporreckten.
“Diese seltsamen Bäume, das sind wohl die Palmen?“
“Dattelpalmen, um genau zu sein, mit süßen, saftigen Früchten, wie geschaffen für Kostverächter wie euch, die frische Fische verschmähen.“
“Hör auf, Fanfarone, mir läuft ja schon das Wasser im Munde zusammen.“
“Dann ist es höchste Zeit zu landen.“ lachte Fanfarone. Er ging allerdings nicht auf der Insel zu Boden, wie Pallina es erwartet hatte, nein, mitten auf dem Wipfel einer Palme ließ er sich nieder. “Alles aussteigen zur Dattelernte!“ kommandierte er.

Pallina ließ sich dies nicht zweimal sagen. Sie hüpfte aus Fanfarones Schnabel und kroch unter das dichte Baumdach aus breiten Palmblättern. Dort hingen in dicken Trauben herrliche Datteln. Sie konnte es gar nicht abwarten und schob sich schon beim Pflücken die delikaten Früchte pfundweise in den Mund. Als sie den Vorratsbeutel bis zum Platzen vollgestopft hatte, machten sie es sich auf der Palme gemütlich. Auch Colombino ließ sich die nahrhaften Früchte schmecken. “Ein paar knackige Kerne wären mir zwar lieber, doch zur Not will ich mich auch mit diesem süßen Zeug bescheiden.

Der Wind wiegte die Palme sanft hin und her und Pallina hätte sich am liebsten in der Sonne zum Schlafen ausgestreckt, schon bald aber rief Fanfarone zum Aufbruch: “Wir müssen weiter, sonst schaffen wir es heute nicht mehr zum Herrn der Gezeiten.“ Sein Mahnruf riss Pallina jäh in die Wirklichkeit zurück: Sie war ja nicht zum Vergnügen unterwegs. Zu Hause wurde sie bestimmt bereits sehnsüchtig erwartet. Sie betrachtete ihren dicken, kugelrunden Dattelbauch und dachte an die schwindenden Lebensmittelvorräte in der Stadt. Schnell stieg sie wieder in Fanfarones Schnabel und der letzte Teil der Reise begann.

Stunden um Stunden waren sie jetzt schon über dem offenen Meer unterwegs, immer höher türmten sich die Wolken, immer stürmischer brauste der Wind, dichte Nebelschwaden waberten um sie her. Sorgenvoll begann Pallina sich zu fragen, ob sie ihr Ziel jemals erreichen würden. Ein erleichterter Ausruf Fanfarones erlöste sie aus der quälenden Ungewissheit: “Wir sind da! Wir haben es geschafft!“

Eine steile Felseninsel war wie aus dem Nichts vor ihren Augen erschienen. Aus den schroffen Klippen wuchs eine gewaltige Festung empor, ein Bauwerk, das nur von Giganten errichtet worden sein konnte. “Das also ist die Residenz des Herrn der Gezeiten.“ murmelte Pallina. “Einladend wirkt sie ja nicht gerade.“
“Der Meister liebt den Luxus nicht.“ klärte Colombino sie auf. “Er empfängt auch selten Gäste, um genau zu sein, du bist die erste, die bis hierher vorgedrungen ist. Allerdings ist noch gar nicht sicher, ob er dich überhaupt empfängt.“
“Er muss! Es geht um das Überleben aller Bewohner meiner Heimatstadt!“

4.Kapitel: Die Reise beginnt
6. Kapitel: Auf der Felseninsel

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