Die Farblawine

Eine kleine Satire über die Modewelt…

„Puh, geschafft! Endlich Feierabend.“ Jeanie atmete erleichtert auf.
Soeben hatte sie die letzte Kundin aus ihrem Bekleidungsgeschäft
hinauskomplimentiert und die Tür abgesperrt. Jeanie hieß eigentlich
gar nicht Jeanie, sondern Johanna, aber „Jeanie’s Jeans“ klang nun
einmal wesentlich beeindruckender als „Johannas Kleidermarkt“. Nun
ging sie zur Kasse und zählte die Tageseinnahmen. Missmutig runzelte sie
die Stirn: „Mau, sehr mau. Seit dieser große Bekleidungsmarkt nebenan
eröffnet hat, lässt mein Umsatz sehr zu wünschen übrig. Wenn das so
weitergeht, dann kann ich meinen Laden zusperren. Ach, Andreas, was
soll ich nur machen?“
Andreas, das bin ich, Andreas Sandermann, ihr Freund, Geliebter, ihr Ratgeber,
kurz: ihr bestes Pferd im Stall. Ich zuckte ratlos mit den Schultern: „Vielleicht
solltest du…“, da brachte sie mich mit einer Handbewegung zum Schweigen und
rief: „Ich hab’s!“

Vorsicht, Andreas, Vorsicht, denke ich mir, jetzt kommt bestimmt wieder einer
ihrer berüchtigten Spontaneinfälle. Ich sollte recht behalten. Es sprudelte nur
so aus ihr hervor: „Weißt Du, was wir tun werden? Wir renovieren den Laden. Das
ist schon lange überfällig. Schau nur, wie die Farbe schon überall abblättert.
Die Räume werden neu gestrichen und wieder auf Vordermann gebracht und anschließend machen wir eine feierliche Neueröffnung.“

„Keine schlechte Idee,“ stimmte ich zu, „und wer soll die Arbeit übernehmen? Oder willst Du etwa selbst den Pinsel schwingen?“ Erstaunt blickte sie mich an: „Ich? Wieso ich? Du bist doch der Maler.“ Peng! Das war ein schwerer Schlag unter die Gürtellinie. In verständlichem Zorn brauste ich auf: „Maler? Natürlich bin ich
Maler, aber ein Kunstmaler und kein Anstreicher. Ich schaffe Gemälde… in Öl… Aquarelle…“

Schnippisch schnitt sie mir das Wort an. „Sei doch nicht so kleinlich. Farbe
ist Farbe. Und wenn Du Gemälde malen kannst, umso besser. Dann wirst du es ja
wohl auch noch schaffen, eine Wand weiß anzupinseln. Gleich morgen besorge ich
die Farbe, dann kannst Du bereits am Wochenende ans Werk gehen.“

Ihr Ton duldete keinen Widerspruch. Jeanie kann sehr resolut
sein. Sie bemerkte meinen nach wie vor skeptischen Blick und fragte
lauernd: „Oder hast Du vielleicht einen dringenden Auftrag, der dich
davon abhält, mir zu helfen?“ Peng! Der zweite Hammer. Die liebe
Jeanie wusste nämlich ganz genau, dass sich die Nachfrage der Kunstwelt
nach meinem neoklassizistischen Postkubismus in sehr engen Grenzen
hielt. Ich musste einen sehr niedergedrückten Eindruck erweckt haben,
denn plötzlich änderte sie ihre Taktik und säuselte: „Du willst mich
doch nicht im Stich lassen, Schätzchen? Du weißt genau, dass ich ohne
dich aufgeschmissen bin. Ich sehe schon alle meine Freundinnen vor
mir, wie sie grün vor Neid werden, wenn sie erfahren, dass ein echter
Künstler meine Räume dekorativ gestaltet hat.“ Bei diesen Worten
schmiegte sie sich dicht an mich und kraulte zärtlich meinen Bart.

Nun, es gibt Argumente, gegen die ist man als Mann machtlos, und so
kam es, dass ich am Samstag bei Jeanie antanzte und fleißig den Pinsel
schwang. In meinen Gedanken malte ich mir aus, wie wohl Vincent van
Gogh reagiert hätte, wenn seine Frau ihm zugemutet hätte, die Küche zu
weißeln, und kam dann zu dem Schluss, dass er gar nicht verheiratet
gewesen sein konnte, sonst hätte er sich bestimmt nicht nur ein Ohr
ab-, sondern gleich die ganze Kehle durchgeschnitten.

Schon nach wenigen Stunden harter Knochenarbeit erglänzten die Räumlichkeiten
in strahlendem Weiß und auch ich selbst hatte nicht wenige Farbtupfer abbekommen.
Jeanie wollte sich schier ausschütten vor Lachen.
„Du musst da etwas verwechselt haben, Andreas, ich habe Dich gebeten, die Zimmer
zu streichen, von Dir selbst habe ich kein Wort gesagt. Aber so ist das eben mit
den Kindern: immer bekleckern sie sich.“

Ich war nahe daran, ihr an die Gurgel zu springen, doch schließlich siegte
meine Müdigkeit über meine Rachsucht. Also ließ ich einfach nur den Pinsel fallen
und sagte: „So, jetzt gehe ich heim.“
„Aber du kannst doch in dieser Kriegsbemalung nicht auf die Straße gehen.“
„Wieso nicht?“ fragte ich tief verletzt. „Und überhaupt. Was kümmert es dich,
wenn ich leide? Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan, der Mohr kann gehen.“
„Mohr?“ lachte sie, „doch wohl eher Schneemann. So wie Du
aussiehst…“

Jetzt war das Maß endgültig voll. Wütend stürmte ich hinaus. Sicher,
mein Aufzug war nicht gerade gesellschaftsfähig, aber die Dämmerung war bereits
hereingebrochen und ich rechnete fest damit, um diese Zeit keinen Menschen mehr
zu treffen. Ich sollte mich täuschen: Fast war ich schon zu Hause angelangt, da
kreuzte Julia Schnabel meinen Weg.

Ausgerechnet diese Schnepfe. Julia war Redakteurin bei der Tageszeitung und
zuständig für die wöchentliche Modeseite. In eingeweihten Kreisen war sie nur
als „Schnatterjule“ bekannt, und dieser Name traf den Nagel auf den Kopf.
Dieser Möchtegern-„Expertin“ hatte es Jeanie zu verdanken, dass sie auf einem
Riesenposten chinesischer Seidenblusen sitzen geblieben war:
Im Frühjahr hatte die Redakteurin in einem Artikel diese Blusen noch als den
letzten Schrei angepriesen, so dass Jeanie gleich einen ganzen Container davon bestellt
hatte. Doch als die Lieferung endlich eingetroffen war, musste sie erstaunt Julias
neuester Modeseite entnehmen, dass chinesische Seidenblusen unmodern, langweilig,
läppisch, kurz: megaout seien. Kein Mensch wagte daraufhin auch nur eine dieser
Blusen zu kaufen. Verständlich, dass Jeanie auf Julia nicht gut zu sprechen war.
Auch für mich gab es einige gute Gründe, ihr aus dem Weg zu gehen, doch zu spät,
sie hatte mich bereits entdeckt.

„Andreas, um Himmelswillen, wie siehst Du denn aus?“ Ein Entkommen
schien aussichtslos, also ergriff ich die Flucht nach vorn. „Aussehen?
Ich? Wieso? Was meinst Du denn?“ „Na, du siehst aus, als seiest du in
einen Farbeimer gefallen.“ Ich lachte überlegen: „Ach, jetzt verstehe
ich, was du meinst. Du spielst auf meinen Colour-Spot-Dress an.“ –
Colour-Spot-Dress?“ echote sie entgeistert. Ich mimte den
Überraschten: „Jetzt sag bloß, du hast noch nie etwas von der
brandaktuellen Colour-Spot-Mode gehört?“

Ich war nicht mehr zu bremsen. „Fort mit den alten Zöpfen! Colour for
the people!“ Ich beugte mich zu ihr hinunter und flüsterte ihr
verschwörerisch zu: „Julia, versprich mir, über das, was ich Dir jetzt
erzähle, absolutes Stillschweigen zu bewahren.“ Sie nickte eifrig.
Vorsichtig blickte ich mich um, wie um mich zu vergewissern, dass uns
auch niemand belausche. Dann raunte ich ihr leise zu: „Jeanie hat
heute eine erste Lieferung aus den Staaten erhalten. Wir haben sie
gerade ausgepackt. Fühl mal, die Farbe ist noch ganz feucht.“ Wieder
blickte ich mich nach allen Seiten um. „Wir haben ein ziemliches
Problem. Der Nachschub bereitet uns Schwierigkeiten. Nächste Woche
läuft die Werbung an, die Leute werden Jeanie den Laden einrennen und
es ist nicht genug Ware da. Du verstehst, die Produktion, sie ist sehr
aufwendig. Dies ist schließlich kein beliebiger Massenartikel, sondern
eine aufwendige Sonderanfertigung. Ich für meinen Teil habe jedenfalls
keine Lust, mich auf eine Warteliste für einen Bezugsschein
einzutragen. Ich habe mir mein Exemplar bereits gesichert.“

Julia hatte wie gebannt an meinen Lippen gehangen. Ich bemerkte, wie sie
an sich hinuntersah. Es war offensichtlich: ihre eigene Kleidung ohne die
neuen, modischen Farbflecke erschien ihr bereits als langweilig und
hoffnungslos veraltet. Ich tröstete sie: „Denk dir nichts, Julia. Ich
werde bei Jeanie ein gutes Wort für Dich einlegen. Du kommst ganz nach
oben auf die Liste.“
„Vielen Dank. Aber, sag mal, Andreas, die Flecken im Gesicht, gehören die etwa
auch dazu?“
„Aber Julia, jetzt muss ich mich aber wirklich über dich wundern. Du tust ja so,
als hättest Du noch nie etwas von Face-Painting gehört?“
„Doch, doch, natürlich, ich wusste nur noch nicht, dass….“
Ungerührt belehrte ich sie weiter: „Der entwurzelte Mensch von heute sucht nach der
alten, verlorenen Einheit mit sich und der Natur. Die Antwort lautet: Colour-Spots
und Face-Painting. Kleidung und Körper erhalten genau aufeinander abgestimmt den passenden, optimalen Farbton. Das ist dynamisch, das ist kreativ, das ist optional,
das ist…“ „…bizarr.“ ergänzte Julia begeistert. Zufrieden stimmte ich zu: „Ich sehe,
wir verstehen uns. Und nun entschuldige mich bitte. Ich möchte mein gutes
Stück so schnell als möglich in Sicherheit bringen, bevor mich ein
Modefreak entdeckt und es mir vom Leibe reißt.“ Mit diesen Worten ließ
ich sie stehen und schritt fröhlich pfeifend nach Hause. Dort duschte
ich ausgiebig, dann griff ich zum Telefon und wählte stillvergnügt
Jeanies Nummer. Sie meldete sich mit zitternder Stimme: „Andreas,
weißt du, wer soeben bei mir angerufen hat?“
„Lass mich raten. Wenn es nicht Rumpelstilzchen war, dann sicher unsere
liebe Freundin Julia Schnabel.“
„Volltreffer. Und weißt du auch, was sie mir vorgeschlagen hat?“
„Sie will deine neue Mode mit den Farbtupfern auf ihrer Seite wohlwollend
erwähnen, wenn du ihr als Gegenleistung eines der Kleider überlässt.“
„Fast, mein Lieber, sie will nicht ein Kleid, sondern ein ganzes Dutzend.“
„Tja, Bescheidenheit ist eine Zier… Was hast du ihr geantwortet?“
„Ich war so verdattert, ich habe nur gestottert, dass ich es mir überlegen
will und dann aufgelegt.“
„Sehr gut.“ lobte ich.
„Könntest du mir jetzt endlich erklären, was das alles zu bedeuten hat?
Ich verstehe immer nur Bahnhof.“
„Sofort, meine Teuerste. Ich bin gleich bei dir. Wir beide
haben heute Nacht noch einiges vor.“

Wir schufteten die ganze Nacht hindurch. Wir klecksten und kleckerten,
wir tupften und pinselten bis zur Erschöpfung. Im Morgengrauen war das
Werk vollbracht: Jeanies gesamter Lagerbestand einschließlich
sämtlicher Seidenblusen war mehr oder weniger kunstvoll mit Farbe
verziert. Meine Teure hatte sich weit weniger gegen die Farbsudelei
gesträubt, als ich es zunächst vermutet hatte. Ein zweiter Anruf der
Schnatterjule hatte ihre Bedenken schnell dahinschmelzen lassen, sie
war sogar noch eifriger bei der Sache als ich. Nur eines tat ihr leid:
„Wenn ich das vorher gewusst hätte, hätte ich mir die ganze Umräumerei
sparen können, dann hättest du Wände und Kleider in einem Aufwasch
anpinseln können.“

Von nun an ging es Schlag auf Schlag. Julias Modeseite erschien am
Montag und die Neueröffnung von Jeanie’s Jeans-Shop war für Dienstag
anberaumt. Bereits um fünf Uhr erschienen die ersten Kunden mit
Feldbetten und Klapphockern und belagerten den Eingang. Um sieben Uhr
musste die Straße für den Verkehr gesperrt werden, kurz darauf erhielt
Jeanie einen erbosten Anruf von der Polizeiwache, ob sie für diese
unangemeldete Demonstration verantwortlich sei. Um halb acht gab die
Tür dem Druck der hereindrängenden Kundschaft nach und wie eine Meute
hungriger Wölfe stürzten sich die Wartenden auf die ersehnte Beute.
Schlag acht Uhr war der Laden ratzekahl leergekauft. Das war nur der
Anfang. Zunächst wagten es nur junge, modebewußte Leute die
besprenkelte Kleidung zu tragen, doch von Tag zu Tag wurde die
Kundschaft älter und seriöser. Wir pinselten Tag und Nacht und konnten
dennoch mit der rasant steigenden Nachfrage kaum mithalten.

Wir kamen aus dem Staunen nicht mehr heraus. Eines Tages traf ich
unseren Herrn Bürgermeister und sah schon von weitem die weißen
Flecken auf seinem grauen Anzug, die rosa Tupfen auf seinem weißen
Hemd, die grün gesprenkelte Krawatte und die beiden großen, roten
Punkte auf den Backen. Als er mich erkannte, versuchte er noch schnell
die Straßenseite zu wechseln, doch ich ging geradewegs auf ihn zu.
Seine Aufmachung war ihm offensichtlich peinlich, da er noch vorige
Woche in einem Interview gelästert hatte, diese neue hirnrissige Mode
sei nur etwas für rotärschige Urwaldaffen und überkandidelte
Halbnarren. Zunächst versuchte er, die verräterischen Flecken mit
seiner Aktenmappe zu verdecken. Als dies misslang, verlegte er sich auf
Ausflüchte. Er zupfte an seinem Ärmel. „Meine Amtsstube wird derzeit
getüncht.“ Und wischte mit den Handflächen über seine Gesichtsflecken:
„Der Lippenstift meiner Frau, sie verstehen.“ Als mein Grinsen immer
breiter wurde, ging er zum Angriff über: „Herr Sandermann, gerade sie
als Künstler müssten eigentlich wissen, dass man sich neuen
Entwicklungen nicht verschließen darf. Gerade ich als Politiker muss
dem Volk aufs Maul schauen, gerade ich darf nicht außerhalb der
Gemeinschaft stehen. Außerdem,“ er warf sich in die Brust, „auch wenn
sie es sich vielleicht nicht vorstellen können, sie sind nicht der
einzige, der etwas von Kunst versteht.“ Hocherhobenen Hauptes
marschierte er davon. Ich überlegte noch, ob ich ihm sagen sollte, dass
ich selbst es gewesen war, der ihm seine Krawatte mit grasgrüner
Gartenzaunfarbe verschönert hatte, ließ es aber dann doch
vorsichtshalber sein, er hätte es mir möglicherweise übel nehmen können.

Nun war der Bann endgültig gebrochen. Doch auch Schwierigkeiten
blieben nicht aus. Eines Tages warf sich Jeanie weinend in meine Arme.
„Weißt du, was ich soeben entdeckt habe? Zufällig gehe ich beim
Kleidergroßmarkt vorbei und was glaubst Du liegt bei denen im
Schaufenster? Angebliche Original Colour-Spot-Hemden im Dreierpack.
Diese Schweine haben uns einfach die Idee geklaut.“ „Was?“
explodiere ich. „Diese miesen, kleinen Schmierfinken. Das lassen wir
uns nicht bieten. Wir schlagen zurück. Gnadenlos.“

Und wir schlugen zurück. Unsere Antwort lautete: Creativity-Packs. Sie
bestanden aus drei Farbdosen in beliebiger Tönung, einem Pinsel und
einer „Colour-it-yourself„-Gebrauchsanleitung. Mit Mustervorschlägen.
Sie waren für kreative und dynamische Menschen bestimmt, die sich
gerne schöpferisch betätigen und abseits des Massengeschmacks ihre
eigenen Colour-Spots produzieren wollten. Für Fortgeschrittene führten
wir das Big Creativity-Pack mit sechs Dosen und zwei Pinseln und für
Wagemutige das Special Creativity-Pack mit neun fluoreszierenden
Neonfarben und drei Pinseln, aber ohne(!) Anwendungshinweise. Als
Renner in unserem Programm entpuppte sich aber das
Natural Creativity-Pack mit unverfälschten, luftgetrockneten Erdfarben
und naturbelassenen, handgezupften Borsten, natürlich vom Wildschwein.
Der Preis war allerdings entsprechend.

Unser Kundenkreis weitete sich langsam aber stetig aus, selbst aus dem
Ausland erreichten uns Anfragen. Wir konzentrierten uns zunehmend auf
Großabnehmer. Unsere Spezialität waren Family-Packs im
50-Liter-Gebinde und School-and-Factory-Packs im
3000-Liter-Großcontainer. Spätestens ab diesem Zeitpunkt hätten wir
bereits von den Provisionen der Lackindustrie leben können. Ermutigt
durch den überwältigenden Erfolg beschloss Jeanie, eine weitere Filiale
in der Stadt zu eröffnen, in bester zentraler Lage. Am Abend vor der
Eröffnung begingen wir dort eine kleine Feier. Zufrieden musterte
Jeanie ihr neues Reich, doch dann fiel ihr Blick durch das
Schaufenster auf das Trottoir: „Igitt, Andreas, schau mal, was dort
draußen liegt.“ Sie deutete auf den Gehsteig vor ihrem Geschäft. Mit
fachmännischem Blick erkannte ich sofort die Lage: Vor dem
Schaufenster türmten sich gleich mehrere Haufen, die ungezogene Hunde hatten
fallen lassen.

Jeanie war außer sich: „Andreas, dieser Unrat muss
verschwinden, sofort. Ich kann meinen Kunden nicht zumuten, durch
Hundekot zu stapfen.“ Sie holte aus einem der Hinterräume eine kleine
Schaufel, welche sie mir auffordernd in die Hand drückte: „Bitte
beseitige doch diese Schweinerei.“ Nun muss ich an dieser Stelle
einfügen, dass ich an besagtem Tag einen weißen Coctail-Anzug trug, und
zwar einen reinweißen ohne jegliche Flecken, eine echte Rarität zum
damaligen Zeitpunkt. Ungläubig starrte ich meine Liebste an. „Das ist
doch wohl nicht dein Ernst?“ Unerbittlich wies sie mit dem Zeigefinger
zur Tür: „Du tust es sofort!“ Jeanie kann sehr resolut sein, doch ich
glaube, das erwähnte ich bereits. Also griff ich mir das Schäufelchen
und begann vorsichtig die Hinterlassenschaften der lieben Hunde
aufzusammeln. Es ging alles gut – bis fast zum Schluss. Als die
Schaufel schon beinahe voll war und ich nur noch ein letztes Häufchen
zu beseitigen hatte, da rutschte ich auf eben jenem Häufchen aus, die
Schaufel entglitt mir, ich fiel zu Boden und – Sie werden es sich
denken können – mitten hinein in die Scheiße. Meine kurz zuvor noch
blütenweiße Hose war nun über und über besudelt. Ich eilte zu Jeanie
in den Laden: „Da schau, was du angerichtet hast.“ Jeanie aber blieb
unbeeindruckt: „Andilein, die Hose gehört schleunigst gewaschen.“ –
„Könntest du nicht vielleicht…?“ fragte ich hoffnungsvoll. „Ich? Wo
denkst du hin? Bring sie zur chemischen Reinigung. Ich muss dich
sowieso bitten, mein Geschäft zu verlassen, sonst bleibt hier drinnen
womöglich etwas von diesem ekligen Gestank hängen.“ Mit spitzen
Fingern hielt sie sich die Nase zu und wies mit der anderen Hand zur Tür.
Jeanie kann sehr resolut… ach ja, sie wissen. Was blieb mir anderes
übrig, als mich nach Hause zu schleichen? Und jetzt raten sie mal, wer
mir über den Weg läuft? Richtig. Die liebe Julia Schnabel, die
Schnatterjule in Person. „Andreas, um Himmelswillen, wie siehst du
denn aus?“ Lässig drehte ich mich um. „Wer? Ich? Wieso?“
„Und dieser Geruch! Penetrant!“
„Aber liebste Julia, hast du denn noch nie etwas von der Look-and-Smell-Fashion gehört?“
Look-and-Smell-Fashion?“
„Exakt. Mode, die man nicht nur sieht, sondern auch riecht.“
Verschwörerisch beugte ich mich zu ihr hinunter und raunte ihr leise
zu: „Liebe Julia, ich sage nur drei Buchstaben: DST.“
Sie schien leicht verwirrt: „DST?“
„Du sagst es. Dog-Shit-Trousers. Der letzte Heuler.“
Ich hatte jedes meiner Worte genießerisch auf der Zunge zergehen lassen. Julia erstarrte
und riss Mund und Augen weit auf. Lachend ging ich davon. Als ich mich noch einmal
umdrehte, sah ich, dass sie noch immer bewegungslos an ihrem Platz verharrte, wie eine leibhaftige Salzsäule. Und wer weiß, vielleicht steht sie dort noch heute.

The End

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