Die Eule

Einst gab es eine Zeit, da gehörte der Wald noch den Tieren und kein Mensch störte ihre Ruhe. Alle Bewohner des Waldes waren eine große Familie. Das heißt nicht, dass sie immer einer Meinung waren, oder sich nie gestritten hätten – in Familien lässt sich so etwas ja kaum vermeiden – aber sie achteten und respektierten einander. Der Wald war groß genug und es gab ausreichend Platz und Nahrung für alle.

Eines Tages aber entstand helle Aufregung unter der Bevölkerung des Forstes. Ein Fremdling war aufgetaucht, eine Eule. Niemand hatte bisher je so einen seltsamen Vogel gesehen. Sie quartierte sich in einer uralten, hohlen Eiche ein, wo sie den lieben, langen Tag verschlief.

Erst nachts verließ sie ihre Behausung und ging auf Mäusefang. Schauerlich und unheimlich tönte dann ihr „Uhui“ durch die Stille der Nacht.

Unter den anderen Bewohnern machte sich allmählich Unmut breit: „Was will dieser unheimliche Vogel hier? Nicht einmal mehr in Ruhe schlafen kann man, seit dieser Störenfried da ist!“

Besonders hassenswert fanden ihn die Mäuse, da er ihre Artgenossen fraß, und alle Tiere, die ihrerseits Mäuse fraßen, weil sie fürchteten, er würde ihnen die Butter vom Brot stehlen.

Diese Futterneider waren es auch, die unter den Waldbewohnern Schauder erregende Gerüchte über die Eule verbreiteten: Seit Wochen hatte es nicht mehr geregnet, und jetzt hieß es, der Nachtvogel sei schuld daran und seine Rufe brächten Tod und Verdammnis für die Gemeinschaft.

Die Tiere wussten nichts über den neuen Mitbewohner, deshalb schenkten sie den abenteuerlichen Verleumdungen immer mehr Glauben. Eine aggressive Stimmung gegen den Neuankömmling machte sich breit.

Bis jetzt hatte die Eule noch nichts von der Feindseligkeit bemerkt, da sie ja den ganzen Tag über schlief, doch immer öfter kam es nun vor, dass ihr Baum zur Zielscheibe von Feindseligkeiten wurde: Grunzende Wildschweine wühlten in seinen Wurzeln, Hirsche wetzten ihre Geweihe an ihm und so mancher Schakal hob verächtlich das Bein an ihm.

Im Schlafe gestört rief die Eule dann: „Lasst mir meine Ruhu! Lasst mir meine Ruhu!“
Doch die Vandalen verstärkten dann erst recht ihre Attacken.

Die Eule ließ sich aber nicht vertreiben, sondern strafte die Plagegeister mit Verachtung, was diese noch mehr erzürnte.

So kam es wie es kommen musste. Eines Tages rottete sich eine ganze Horde von Eulenhassern zusammen und zog lärmend zur hohlen Eiche. Dort tobten sie herum und machten lauten Krach, um die Ungeliebte aufzuwecken, dann ergriff Reinecke Fuchs das Wort: „Höre, du komischer Vogel! Du hast hier nichts zu suchen! Hier leben nur anständige Tiere, die am Tag arbeiten und in der Nacht schlafen. Solltest du morgen um diese Zeit nicht verschwunden sein, werden wir deinen Baum fällen und dir dein Gefieder rupfen!“

Unschöne Verwünschungen und laute Drohungen ausstoßend, verschwand die tobende Meute wieder.

Bald brach die Nacht herein. Über den Köpfen der Schlafenden braute sich das Unheil zusammen. Ein Gewitter nahte, schon grollte der Donner und die ersten Blitze zuckten. Ein feuriger Strahl traf mitten in den Baum der Eule, die erschreckt zusammenzuckte.

Die Eiche, morsch, und nach langer Trockenheit ausgedörrt, fing sofort Feuer. Rasch griff es um sich. Das ahnungslos schlafende Waldvolk war in höchster Gefahr.

Die erschrockene Eule hatte den ersten Schock überwunden und flog nun hinaus in die Nacht: „Wacht uhuf! Wacht uhuf!“

Die so aus dem Schlaf Geschreckten sahen die hoch lodernden Flammen und ergriffen in höchster Panik die Flucht. Doch,o Schreck, der Wind fachte das Feuer an und trieb die nichtsahnenden Fliehenden auf eine tiefe Schlucht zu. Die Eule, die als einzige im Dunkeln sehen konnte, erkannte von ihrer hohen Warte sofort die Gefahr und flog zu den flüchtenden Tieren: „Dreht uhum“ Dreht uhum! Eine Schluhucht! Eine Schluhucht!“

Verzweiflung erfasste die Flüchtenden. Gab es denn gar kein Entrinnen?

Wieder rief die Eule: „Keine Fuhurcht! Keine Fuhurcht! Zuhum Fluhuss! Zuhum Fluhuss!“
Durch ihre Zurufe dirigiert, fanden die verschreckten Tiere den Weg zum Fluss, durchwateten ihn und waren in Sicherheit.

Am nächsten Morgen wollte die Eule den Wald verlassen. Die anderen Tiere wollten sie hier nicht, ihr Baum war verbrannt, nichts hielt sie mehr an diesem Ort.

Gerade als sie abfliegen wollte, erschienen zwei Eichelhäher und teilten ihr krächzend mit, dass der König des Waldes, der große braune Bär, sie vor seiner Höhle erwarte.
„Was mag er von mir wollen?“ fragte sich die Eule besorgt, flog aber dennoch mit, als die beiden Boten sie dazu drängten.

Vor der Höhle des Königs herrschte bereits ein dichtes Gedränge, sämtliche Tiere des Waldes waren zusammengekommen: der edle Hirsch, das scheue Reh, der schlaue Fuchs, der starke Wolf, der brummige Dachs, das flinke Wiesel, der gewaltige Auerochse, sogar der stolze Adler war erschienen.

Die Eule wusste, wie die Waldbewohner über sie dachten und machte sich schon auf das Schlimmste gefasst. Doch es kam ganz anders: Als die Tiere die Eule erblickten, erhoben sie ein lautstarkes Beifallsgeschrei, das gar nicht enden wollte, bis endlich der große Bär seine gewaltige Tatze erhob und mit einem lauten Brummen alle seine Untertanen zum Schweigen brachte… fast alle seine Untertanen, die frechen Spatzen konnten es nicht lassen, lustig weiter zu zwitschern.

„Hör mich an, o Eule!“ brummte der König, „Wir haben dir viel zu verdanken! Du hast uns geholfen, obwohl wir dir Unrecht taten. Bitte verzeih uns! Bleib bei uns und wache über unseren Schlaf! Wir brauchen dich!

Wieder toste der Beifall ohrenbetäubend durch den Wald.
„Wie lautet deine Antwort? Hast du Lust?“ fragte der Bär erwartungsvoll.

Zunächst konnte die Eule vor Rührung kein Wort hervorbringen,doch dann schwang sie sich mit einem gewaltigen Flügelschlag in die Luft und rief so laut sie konnte: „Juhu! Juhu! Ja, ich hab Luhust! Ich hab Luhust!“

Von diesem Tag an lebte die Eule glücklich und geachtet inmitten der anderen Tiere. Keines nahm mehr Anstoß daran, dass sie den ganzen Tag verschlief, niemals mehr störte jemand mutwillig ihren Schlaf.

Und weil alles einmal enden muss, machen wir nun

SCHLUHUSS

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