Der Glückstopf

Vor langer Zeit lebte einmal ein sehr dicker König, der sich selbst als „August, der Gewaltige“ bezeichnen ließ, sein Volk aber rief ihn wegen seiner Leibesfülle gern den „Dicken August“ natürlich nur, wenn er es nicht hören konnte. Der dicke König nannte eine wunderschöne Tochter sein eigen, mit langen seidigen Haaren und einer reizenden Gestalt: die Prinzessin Roswitha.

Eines Tages rief er Roswitha zu sich und sprach zu ihr: „Meine Tochter, du weißt, ich bin nicht mehr der Jüngste. Ich habe beschlossen, dass es an der Zeit ist, dich zu verheiraten. Ich möchte mein Reich in guten Händen wissen, wenn ich eines Tages sterbe.

Traurig ging Roswitha davon. Sie wollte noch nicht heiraten. Zwar besaß sie bereits den Körper einer Frau, doch im Herzen war sie ein kleines Mädchen geblieben, die Pflichten einer Königin waren ihr fremd und machten ihr Angst.

Sie ging in den Schlossgarten zu einer großen, alten Linde, die von dichtem Gebüsch umstanden war. Immer wenn sie sich niedergedrückt fühlte, suchte sie die Nähe des Baumes, der schützend sein Blätterdach über sie breitete, während sie ihm ihre Sorgen anvertraute.

Wie sie so dasaß und leise vor sich hin weinte, schrak sie plötzlich auf, als sie eine fremde Stimme hörte: “Aber Prinzesschen, wer wird denn weinen, wenn die Sonne lacht und die Vögel tirilieren? Hihihihi!“

Ein kleines Männlein mit einer gewaltigen Knollennase und riesigen Füßen stand vor ihr und zwinkerte sie mit schwarzen Augen, die lustig blitzten, an.

„Ach, was weißt denn du, wie hart das Leben einer Prinzessin ist. Mein Vater drängt mich zum Heiraten, doch ich habe keine Lust dazu. Alle Herrschersöhne, die bisher um meine Hand anhielten, waren nichts als eitle, aufgeblasene Hohlköpfe, die mich nur aus Machtgier heiraten wollten. Du kannst dir nicht vorstellen, wie schlimm das ist.“ seufzte die Prinzessin.

„Ich kann es, ich kann es. Hihihihi!“ keckerte der Kobold. „Deshalb habe ich dir auch etwas mitgebracht. Sieh her!“

Er hielt einen Topf in den Händen, der golden funkelte.

„Was ist das?“ fragte Roswitha erstaunt und mit rasch wachsender Neugier.

„Dies ist ein Glückstopf. In ihm kannst du die Suppe der Glückseligkeit zubereiten.“

„Und was sind sie Zutaten dazu?“

„Oh, nicht viel. Hihihihi. Ein wenig Wasser, etwas Geduld und viel Liebe. Pass aber auf, dass du den Deckel nicht verlierst, er ist sehr wichtig!“

Sie nahm den Topf und wunderte sich über sein geringes Gewicht. Fast schien es ihr, als hielte sie eine Feder in den Händen. Erfreut bedankte sie sich und eilte ins Schloss. Als sie aber über eine Wiese lief, blieb sie mit einem Schuh in einem Maulwurfshügel stecken und stolperte. Das Kochgeschirr entglitt ihren Händen und fiel zu Boden. Der Topf rollte nicht weit, doch der Deckel segelte hoch durch die Luft und landete in einem Bächlein. Wie ein Schifflein trieb er davon, unerreichbar für die untröstliche Prinzessin.

Niedergeschlagen ging sie heim und versuchte ohne große Hoffnung die Glückssuppe ohne den Deckel zu kochen, doch das einzige Ergebnis war heißer Dampf. Verzweifelt weihte sie ihren Vater ein und klagte ihm ihr Leid. Der tröstete sie und überlegte, wie ihr wohl am besten zu helfen sei. Tatsächlich hatte er einen Einfall und rieb sich hoffnungsfroh das Kinn: „Oho, vielleicht kann ich sogar zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen.“

Am nächsten Tag, schon in aller Frühe, ließ er im ganzen Land eine Botschaft an sein Volk ausrufen: Derjenige, der den passenden Deckel zum Topf seiner Tochter besitze, möge ihn herbeibringen. Dafür erhalte er dann die Prinzessin zur Frau und obendrein das halbe Königreich als Zugabe.

Xaver, der junge Schweinehirt, lag gerade am Ufer eines Bächleins, wo er seine Tiere hütete, und beobachtete auf einem Grashalm kauend das Spiel der Wellen, als er plötzlich ein golden glänzendes Etwas vorbeischwimmen sah. Barfüßig, wie er war, watete er ins Wasser und erkannte auf den ersten Blick, dass es mit diesem Treibgut seine besondere Bewandtnis hatte. Behutsam nahm er das kostbare Teil auf und versteckte es sorgfältig an einer geheimen Stelle.

Schon strömten aus allen Teilen des Landes hoffnungsvolle Thronanwärter herbei. Sie trugen sämtliche Deckel bei sich, derer sie hatten habhaft werden werden können, in sämtlichen Formen und Größen. In langer Schlange reihten sie sich erwartungsvoll vor dem Königspalast auf. Dort drinnen saß, nicht minder erwartungsvoll, der König, den Topf vor sich auf einem Tisch. An seiner Seite saß, mit gemischten Gefühlen, Prinzessin Roswitha.

Jeder der Kandidaten durfte nun ausprobieren, ob sein Deckel sich wohl auf den Topf füge, doch keiner schien auch nur halbwegs geeignet.

So verging der erste Tag. So verging der zweite Tag. Als auch am dritten Tag noch kein passender Deckel in Sicht war, da schickte der König alle seine Trommler aus, sie sollten auch im letzten Winkel des Reiches nach dem Verbleib des Deckels forschen.

Währenddessen trieb der machtgierige Prinz Diamin sein böses Spiel. Er hatte einen der Hofschranzen bestochen und ihn beauftragt, den Topf in einem unbewachten Augenblick sorgfältig zu vermessen und ihm die genauen Maße zu bringen. So geschah es. Nun ließ Diamin bei einem Goldschmied einen güldenen Deckel fertigen.

„Ha! Dieser Einsatz wird sich hundert- und tausendfach auszahlen“ frohlockte er. „Bin ich erst einmal König, kann ich mir ein ganzes Schloss aus Gold bauen lassen.“

Als das Schmiedestück fertig war, ließ er es polieren, bis er sich darin spiegeln konnte und eilte dann sofort zum Schloss.

„Hier halte ich das gesuchte Stück in Händen!“ triumphierte er.

Hocherfreut ergriff der König den goldenen Deckel und setzte ihn auf den Topf. Doch – sei es, dass der Lakai falsch gemessen, sei es, dass der Schmied ungenau gearbeitet – der Deckel passte nicht ganz genau und ließ sich nicht bündig auf das Gefäß drücken. Roswitha frohlockte innerlich, ein Leben an der Seite des Prinzen Diamin erschien ihr alles andere als erstrebenswert.

Dieser allerdings gab nicht so schnell auf und versuchte, den Deckel mit aller Gewalt vollends auf den Topf zu zwingen. „Verdammt, er muss passen!“

Der König ging ihm zur Hand und nun pressten und drückten sie beide gemeinsam. Erfolglos.

Wieder hatte der dicke König einen Einfall. Er raffte seine Robe und setzte sich mit seinem dicken Hintern auf den Topf – und siehe da, unter der erdrückenden Last seines Gewichts glitt der Deckel auch noch das restliche Stück nach unten und verschloss den Topf nun absolut nahtlos.

„Na also!“ rief der König. „Passt wie angegossen! Diamin, mein Dank sei dir gewiss. Noch heute soll die Hochzeit sein!“

Der Prinz verzog sein Gesicht zu einem triumphierenden Grinsen und ein kaltes Glitzern stahl sich in seine Augen. Der verzweifelten Roswitha stockte zunächst beinahe der Atem, rasch aber fing sie sich wieder und sagte zum König: „Vater, ich freue mich so über die wundersame Fügung der Dinge, dass ich alle Leute an meinem Glück teilhaben lassen will. Die Suppe der Glückseligkeit will ich kochen und jeder soll sein Löffelchen davon erhalten. Wenn es der richtige Deckel zum Topf ist, was ich natürlich nicht bezweifle, so sollte es dabei keine Schwierigkeiten geben. Und dann bin ich auch bereit, dem edlen Diamin“, ihre Mundwinkel zuckten verächtlich, „als Braut zu folgen.“

Diamin wollte etwas sagen, doch dann biss er sich auf seine Lippen und schwieg. Der König, milde gestimmt durch seinen Erfolg, stimmte zu und ließ den Topf mit Wasser füllen und über eine Feuerstelle hängen. Sonderbarerweise ließ sich der Deckel jetzt ganz leicht abnehmen und wieder aufsetzen, so mühelos sogar, dass es dem Herrscher leicht unbehaglich zumute wurde.

Inzwischen war Xaver zufällig auf einen der Trommler der Königs gestoßen, als er seine Schweine nach Hause in den Stall treiben wollte, und erfuhr durch ihn, dass ein ganz bestimmter Deckel für einen ganz bestimmten Topf gesucht werde. Augenblicklich dachte er an das golden glänzende Treibgut und ein Licht ging ihm auf. Sofort schwang er sich auf seines seiner Tiere und lenkte es zu der Stelle, an der er seinen Fund versteckt hatte, dann galoppierte er, so schnell es die Beine seines Reittieres zuließen, zum Königsschloss.

Dort spielte sich ein Bild des Grauens ab: Zunächst hatte der Topf harmlos vor sich hingeblubbert, doch allmählich waren die Geräusche, die er von sich gab, immer lauter und bedrohlicher geworden. Er hatte angefangen zu glühen und sich wie unter Qualen zu winden. Erschrocken hatte der König befohlen, das Gefäß sofort vom Feuer nehmen zu lassen. Zu spät. Es glühte bereits so heiß, dass keiner wagte, es anzufassen.

Darauf erteilte der König Order, das Feuer zu löschen. Doch, welch Entsetzen, wie viel Wasser die Bediensteten auch auf das Feuer gossen, es vermochte die Flammen nicht zu ersticken, wirkungslos verzischte es in der Luft. Furcht erregend grollte der Topf donnergleich, der Boden unter den Füßen der entsetzten Beobachter begann unheimlich zu vibrieren und zu beben… vor Angst und Schrecken wagte keiner mehr zu atmen, da…

…da ging auf einen Schlag die Palasttür auf und Xaver kam auf seinem Schwein hereingeritten, den golden schimmernden Deckel in seinen Händen. Er lenkte sein Reittier direkt auf das Feuer zu und sprang erst kurz vor der Glut ab.

Im selben Moment, als er mit dem Deckel in die Nähe des Topfes gekommen war, erschütterte ein gewaltiger Ausbruch den Palast. Mit einem Ohren betäubenden Knall schoss der falsche Deckel vom Topf empor und flog, gefolgt von einer zischenden und sprudelnden Fontäne bis zur Decke des Saales hinauf.

Xaver schritt zum Topf, hielt den Deckel empor, und, o Wunder, die goldene Scheibe fing an zu schweben und vereinigte sich ohne fremdes Zutun mit ihrem Gegenstück.

Erneut wurde das Schloss in seinen Grundfesten erschüttert, diesmal durch den lautstarken Jubel der begeisterten Zuschauer. Nun war es an Diamin, seine Untat einzugestehen. Bebend vor Zorn rief der König aus: „Du Halunke! Wäre der Napf nicht zu klein dazu, ich würde dich darin sieden lassen! Geh mir aus den Augen und lass dich hier nie wieder blicken!“ Mit Schimpf und Schande wurde der betrügerische Prinz davongejagt.

Roswitha und Xaver aber feierten bald darauf Vermählung und als Hochzeitsschmaus gab es die Suppe der Glückseligkeit. Jeder bekam aus der Hand der Prinzessin seinen Teil ab, bis auf einen. Der Allerletzte fürchtete zu kurz zu kommen und riss, in der Angst, etwas zu verpassen, Roswitha gierig den Löffel aus der Hand und wollte ihn selbst zum Munde führen. Dabei fiel ihm dieser durch seine Hast zu Boden und zersprang. Traurig musste der Gierschlund ohne sein Süppchen nach Hause schleichen.

Die anderen aber feierten ein fröhliches und ausgelassenes Fest. Als Roswitha und Xaver dann schließlich ins Brautgemach aufbrachen, da streuten Kinder ihnen Blüten und Kränze auf den Weg. Wie die Prinzessin so langsam an den Blumenkindern vorbei schritt, da schien es ihr, als befände sich unter ihnen ein kleiner Junge mit lustig funkelnden schwarzen Augen, riesigen Füßen und einer gewaltigen Knollennase. „Hallo, Prinzesschen! Viel Glück! Hihihihi!“

Xaver und Roswitha aber lebten glücklich und zufrieden, und wenn doch einmal ein Wölkchen den Himmel trübte, so holte sie Töpfchen und Deckelchen hervor und kochte mit wenig Wasser, etwas Geduld und viel Liebe die Suppe der Glückseligkeit.

Falls aber ihr euch, liebe Kinder, gewundert haben solltet, wie es möglich ist, dass ein armer Schweinehirt eine schöne Prinzessin zur Frau erhält, nun, so lasst euch sagen, dass dies ein Märchen war, und dort, aber auch nur dort, ist so etwas möglich, uns zwar im Deckelumdrehen.

Ende

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