Das Mondkalb

Alexander war ein Hufschmied, ja, er war sogar der beste Hufschmied weit und breit. Groß und stark von Gestalt, wusste er Hammer und Zange sicher zu schwingen, von früh bis spät sang der Amboss unter seinen unermüdlichen Hammerschlägen. Trotz seiner Kraft war er dennoch geschickt im Umgang mit den Pferden, nie trieb er einen Nagel zu weit in den Huf, oder versengte ein Tier mit dem glühenden Eisen.

Sein Fleiß und sein Können wurden in weitem Umkreis von allen gerühmt, Alexander hätte also glücklich und zu­frieden sein können, wenn, ja wenn da nicht Gevatter Mond gewesen wäre: Alexander war nämlich mondsüchtig. In jeder Vollmondnacht erhob er sich von seiner Schlafstatt, verließ sein Haus und wandelte, ohne aufzuwachen, im Schein des Nachtgestirns bis zum Morgengrauen herum. Am darauf folgen­den Morgen wurde er dann friedlich schlafend aufgefunden, in einer Wiese, einem Kornfeld oder wo immer er sich müde vom Herumirren zur Ruhe gelegt hatte.

Unter dem Gelächter und dem Gespött der Leute musste er dann in seinem langen, weißen Nachtgewand beschämt den Rückweg zu seiner Schmiede antreten. Die Zuschauer hieben sich auf die Schenkel und hielten sich den Bauch vor Lachen ob seines Aufzuges. Hämisch riefen sie: „Seht das Mondkalb ist wieder unterwegs!“

Alexander ließ sich nicht anmerken, wie sehr ihn der Spott traf, das Gelächter hätte er ja noch ertragen, viel schlimmer war, dass er wegen dieses Aufsehens keine Frau fand. Gern hätte er ein liebes Weib an seiner Seite gehabt, seit seine Eltern gestorben waren, lebte er nämlich ganz allein, doch alle Mädchen schreckten davor zurück, einen solchen Narren zu heiraten: “Was soll ich mit diesem Mondkalb? Ich will mich ja nicht lächerlich machen.“

Alle Mädchen?  Nein, eines gab es doch, das ihm sehr zugetan war: Eva, die Tochter des Postvorstehers. Sie war eine dralle Maid mit langen, blonden Zöpfen, einem wohlgerundeten Leib und einer Haut wie Elfenbein so weiß. Oft führte sie die Kutschpferde zu Alexander, um sie neu be­schlagen zu lassen. Gern sah sie ihm dann bei der Arbeit zu. Wohlgefällig ruhte ihr Blick dann auf seinen kräftigen Schultern und seinen starken Armen, vor allem hatten es ihr aber seine weichen, vollen Lippen und seine klaren, himmelblauen Augen angetan. Nur ungern führte sie die Pfer­de nach dem Beschlagen wieder nach Hause in den Stall. Da kam es ihr sehr gelegen, dass Alexander mit den Pferden ihres Vaters, und offenbar nur mit ihnen, seine Schwierig­keiten hatte. Er, der sonst ein Pferd im Handumdrehen beschlug, benötigte für Evas Rösser unverhältnismäßig lan­ge. Auch kam es vor, dass er die Eisen verwechselte und bereits auf genagelte wieder abnehmen musste. Evas Vater merkte bald, woher der Wind wehte: “Eins das sage ich dir, meine Tochter, von diesem Mondkalb lässt du besser die Fin­ger. In meiner Stellung kann ich mir einen Wahnsinnigen in der Familie nicht leisten. Und um sicherzustellen, dass du meine Worte auch befolgst, werde ich in Zukunft die Pferde selbst zum Schmied bringen. Von Stund an beschlug Alexander die Kutschpferde in Rekordzeit.

Dann kam die nächste Vollmondnacht.

Wieder konnte Alexander dem nächtlichen Ruf nicht wider­stehen und wankte schlafend in die Nacht hinaus.

Zur selben Zeit wälzte sich Eva unruhig im Bett hin und her. Sie hatte von Alexander geträumt, von seinen blauen Augen und   — Nun war sie erwacht und verspürte ein drin­gendes Bedürfnis: “Ach, hätte ich gestern nicht soviel Tee getrunken, dann müsste ich jetzt nicht aus meinem warmen Bett steigen.“ Es half nichts, sie stand auf und trat vor die Tür. Das Häuschen mit dem Herzen lag weit entfernt, hinter dem Haus, am anderen Ende des Hofes. “Oh, ich muss doch so dringend, da könnte ich doch einfach…„

Eva liebte es, im Freien zu pinkeln, hatte es aber schon lange nicht mehr gewagt, da ihr Vater sie einmal dabei erwischt und ihr zur Strafe gleich an Ort und Stelle die nackten Bäckchen ausgeklatscht hatte. “Das schickt sich nicht für ein so großes Mädchen wie dich!“ hatte er ihr erregt vorgehalten und sie anschließend nachdrücklich vor den bösen Buben gewarnt, die sich erdreisten könnten, ermuntert durch den aufreizenden Anblick, die Situation aufs Gröblichste auszunutzen. “Etwa so wie du?“ hatte sie fragen wollen, als ihr die heißen Tränen über die Wangen kullerten, dann aber doch geschwiegen, aus Angst vor neuerlichen Schlägen.

Eva hatte zu lange überlegt, die Natur forderte gebieterisch ihr Recht: “Ach was, es wird schon niemand kommen.“ Mit einem Griff hob sie ihre Kleider auf und ent­blößte ihr rundes, weißes Gesäß, dann hockte sie sich mitten auf den Weg vor dem Haus und ließ unter Seufzen ihr lange gestautes Bächlein fließen.

Just in diesem Augenblick trat der nachtwandelnde Alexander auf den Plan. Lautlos war er näher gekommen und stand nun still und starr wie eine Salzsäule, unschlüssig, wohin er sich wenden solle, angesichts dieses zweiten Voll­mondes, der da so urplötzlich aufgetaucht war. Eva fühlte eine Bewegung, wandte sich um und sah die Gestalt im weißen Nachthemd, die hinter ihr stand: “Scher dich fort! Hast du keine Frau, die du beim Plätschern belauschen kannst?“ rief sie empört, erkannte aber im gleichen Moment ihren Alexander. Sie bemerkte, wie sein starrer Blick zwischen der Himmelsscheibe und ihrer Rückfront hin und her wanderte. Augenblicklich dämmerte ihr, was die Stunde geschlagen hatte und ein spitzbübisches Lächeln kräuselte ihre Lippen. Langsam richtete sie sich auf, ließ ihre Hüllen jedoch nicht niederfallen, sondern hielt sie so weit als möglich empor, so dass er eine ungestörte Aussicht auf ihr blankes Hinterviertel behielt. Dann ging sie ruhig und gemessen in Richtung der Haustüre, wobei sie gurrte: “Komm, mein Alexander, komm, mein Lieber, ich habe etwas für dich.“

Magisch angezogen, setzte er sich zuerst stockend, dann immer schneller in Bewegung, schließlich folgte er ihr so willig wie ein Mäuschen dem Rattenfänger von Hameln. So lockte sie ihn ins Haus, in ihr Zimmer, in ihr Bett.

Dort, in ihrem warmen Bettchen, kurierte sie ihn noch in dieser Nacht von seiner Mondsüchtigkeit.

Alexander aber hörte nie wieder den Ruf des Mondes, er hatte gefunden, wonach er so lange gesucht hatte.

ENDE

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